1.Die jüdische Gemeinde Schpira

Speyer, eine am Rhein gelegene Bischofsstadt, existierte schon zur Zeit der römischen Besiedlung und war unter dem Namen Civitas Memetum bekannt. Von den Juden wurde sie Schpira genannt. Nach der Völkerwanderung wuchs Speyer im Frühmittelalter unter Leitung seiner Stadtherren, den Bischöfen. Während der Herrschaftszeit der Salier, deren Stammland im Gebiet zwischen Speyer, Worms und Mainz lag, rückte die Stadt im 11. Jahrhundert ins politische Zentrum des Reichs. Der Speyrer Dom, ebenfalls im 11. Jahrhundert erbaut, diente als zentrale Grablege für die Dynastie der Salier. Schon früh im Mittelalter bemühte sich das Bürgertum, Privilegien vom König zu sammeln und die Macht der Bischöfe zurückzudrängen, um selbst über die Geschicke der Stadt zu entscheiden. Im 13. Jahrhundert hatten die Bischöfe schließlich fast alle stadtherrlichen Befugnisse an den bürgerlichen Stadtrat verloren.

1.1.Gründung und Wachstum im 11. Jahrhundert

Rekonstruktion Westwand Synagoge[Bild: Klaus Venus]

Der älteste Beleg für jüdische Bewohner in Speyer stammt aus dem Jahr 1080, wobei es vermutlich schon zuvor jüdische Siedler in der Stadt gab. Am 13.9.1084 setzte Bischof Rüdiger von Speyer eine Urkunde auf, in welcher die Privilegien für die jüdische Gemeinde festgelegt wurden. Darin wurde ihnen unter anderem ein eigenes Viertel zugewiesen, in dem sie sich niederlassen konnten, sie besaßen freies Handelsrecht, einen eigenen Friedhof, eigene Gerichtsbarkeit und eigene Verwaltung, sodass die Autonomie ihrer Gemeinde garantiert war. Zudem wurde es den Juden ausdrücklich erlaubt, Christen als Bedienstete zu haben. Anlass der Urkunde war die Ansiedlung aus Mainz stammender Juden, die nach einem Stadtbrand aufgrund der Pogromgefahr ausgezogen waren.
1090 wurden die vom Bischof verbrieften Privilegien zusätzlich von Kaiser Heinrich IV. bestätigt und erweitert, wobei auch die jüdische Gemeinde in Worms mit einbezogen wurde. Den Juden wurde unbeschränkte Freizügigkeit sowie Handels-, Zoll- und Steuerfreiheit im ganzen Reich garantiert. Auch dass Leben und Besitz von Bischof und Kaiser geschützt seien wurde nochmals bekräftigt. Die Zwangstaufe wurde verboten. Die vor allem auf wirtschaftliche Punkte konzentrierten Privilegien sollten vor allem die jüdischen Kaufleute zur Niederlassung bewegen, damit sie mit ihrer Handelstätigkeit die Wirtschaft ankurbeln und eine finanzielle Stütze für die Stadt werden konnten. Ende des 11. Jahrhunderts war die Speyrer Gemeinde eine blühende, zum großen Teil autonome Siedlung mit eigener Verwaltung, Friedhof und politischer Führung in Form eines sogenannten Judenbischofs.
Es gab zwei Siedlungen, eine befand sich direkt neben dem Judenfriedhof in Altspeyer und besaß seit etwa 1090 eine eigene Synagoge, die 1349 aufgegeben wurde. Die zweite, größere Siedlung lag im Süden der Stadt in direkter Nachbarschaft zum Dom, dem Markt und mehreren Klosterhöfen. Hier befanden sich ebenfalls eine Männersynagoge, 1104 erbaut, ein Bad und Wohnhäuser. 1250 wurde eine Frauensynagoge an die Männersynagoge angebaut, ein Zeichen für das Wachstum und Wohlstand der jüdischen Gemeinde.

1.2.Mikwe, Tanzhaus und Friedhof

Eingang Mikwe[Bild: Stadtarchiv Speyer]

Das rituelle Bad, die Mikwe, wurde vermutlich zwischen 1110 und 1120 in Nähe der Synagoge errichtet und ist die älteste erhaltene Mikwe Europas. Sie ist in drei Teile gegliedert: das Treppenhaus, welches unter die Erde führt, den Vorraum, der bereits vollständig unter der Erde liegt, und der Badeschacht mit dem Becken, der tiefste Punkt der Anlage. Die Mikwe ist heute noch gut erhalten und ein Beispiel salischer Baukunst.
Daneben befand sich ein Tanz- und Brauthaus, welches auch als Versammlungsort für die Gemeinde, für Feste, Hochzeiten und Ratssitzungen verwendet wurde. Während die neben dem Friedhof gelegene jüdische Siedlung Mitte des 14. Jahrhunderts aufgegeben wurde, blieb die südliche Siedlung länger bewohnt. 1490 gelangten schließlich auch die Gebäude des südlichen Judenviertels in den Besitz der Stadt. Nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde wurden sie ab dem 16. Jahrhundert als Arsenal und Zeughaus genutzt. Die Überreste von Bad und Synagoge sind noch bis heute zu besichtigen.
Der Speyrer Judenfriedhof lag im Norden außerhalb der Stadtmauern und wurde bis ins 16. Jahrhundert genutzt. Mit der Auflösung der jüdischen Gemeinde endete auch seine Nutzung, er verfiel und seine Grabsteine wurden von den Stadtbewohnern verschleppt, um sie als Baumaterial zu verwenden. Bis heute finden sich immer wieder Grabsteine in den Fundamenten Speyrer Häuser.

1.3.Die ersten Pogrome

Rekonstruktion Judenhof[Bild: Stadtarchiv Speyer]

Als 1096 das Heer des ersten Kreuzzuges durch das Rheinland zog, überfielen Teilnehmer des Zuges auf dem Weg liegende jüdische Siedlungen, hetzten die dortigen Anwohner auf, vor allem die armen Unterschichten, zerstörten die Häuser und töteten zahlreiche Juden, wenn sie sich der Taufe verweigerten. In Speyer konnte der damalige Bischof Johann von Kraichgau die Judengemeinschaft bis auf wenige Ausnahmen vor dem Mob schützen, welcher unter Leitung Graf Emichos von Leiningen in die Stadt eindrang. Der Bischof ließ die Juden auf seine Burg bringen und stellte sie unter militärischen Schutz, so dass mit 11 Toten die Zahl der Opfer vergleichsweise gering blieb. Auch die zwangsgetauften Juden wurden wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, nachdem man ihnen die Rückkehr zum Judentum gewährt hatte.
Ein nur auf Speyer beschränkter Pogrom fand im Jahr 1195 statt, nachdem vor den Toren der Stadt die Leiche einer ermordeten Christin gefunden wurde. Man beschuldigte die Juden der Tat, viele wurden beraubt und getötet, die Häuser verbrannt. Der Bischof weigerte sich dieses Mal, die Juden zu schützen. Einige konnten in die Synagoge flüchten, wo man sie nicht weiter verfolgte. Herzog Otto, der Bruder des Königs, verurteilte die Ausschreitungen, bestrafte die Beteiligten am Pogrom und zwang sie, die zerstörten Häuser wiederaufzubauen. Zugleich befahl er allen flüchtigen Speyrer Juden, in die Stadt zurückzukehren.

1.4.Jeschiwa und Chassidismus

Speyer besaß eine berühmte Talmudhochschule, an der zahlreiche einflussreiche jüdische Gelehrte unterrichteten und Schüler aus ganz Europa anzogen. Ende des 12. Jahrhunderts wurde Speyer auch Geburtsstätte einer starken Frömmigkeitsbewegung innerhalb des Judentums, des Chassidismus, der zur jüdischen Mystik gerechnet wird. Er entstand in Verarbeitung der traumatischen Pogrome im 11. und 12. Jahrhundert und erfreute sich bald großer Beliebtheit. Seine Begründer wurden beide in Speyer geboren.
Rabbi Samuel ben Kalonymos stammte aus einer berühmten jüdischen Gelehrtenfamilie. Er wurde auch he-Chassid, der Fromme genannt. Zusammen mit seinem Sohn verfasste er das Buch der Frommen, Sefer Hasidim, indem er seine Lehre darlegte. Eine stärkere Abgrenzung zu den Christen wurde gefordert und größere Hingabe beim Erfüllen der göttlichen Gebote, über das vom Gesetz verlangte Maß hinaus. Auch das Ideal der Armut und Askese wurde gepredigt. Samuels Sohn Juda ben Samuel führte das Werk seines Vaters fort, verließ nach dem Pogrom 1195 Speyer und gründete eine Talmudhochschule in Regensburg, wo ebenfalls eine große jüdische Gemeinde existierte. Der Chassidismus verbreitete sich im gesamten aschkenasischen Judentum und blieb eine der wichtigsten jüdischen Bewegungen im Mittelalter.

1.5.Wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit im 13. Jahrhundert

Schatz von Lingenfeld[Bild: Stadtarchiv Speyer]

Im 12. und 13. Jahrhundert gehörte Speyer mit Worms und Mainz zu den drei jüdischen Gemeinden, die unter dem Kürzel SchUM bekannt waren und jahrzehntelang die geistige und rechtliche Führung des aschkenasischen Judentums übernahmen. Die auf ihren Versammlungen beschlossene Rechtsprechung und Auslegung der Gesetze in Talmud und Tora waren für das gesamte aschkenasische Judentum bindend und prägten das Leben der jüdischen Bevölkerung. Dies wurde vor allem durch den Einfluss der angesehen Talmudhochschulen der SchUM-Städte ermöglicht, die hochrangige und berühmte Gelehrte beherbergten.
Wie in den meisten süddeutschen Städten besaß die jüdische Bevölkerung zum größten Teil das gleiche Bürgerrecht wie die Christen. Sie waren bei der Verteidigung der Stadt miteinbezogen, durften Grundbesitz erwerben und besaßen dauerndes Aufenthaltsrecht. Es gab einige Ausnahmen, so waren Juden aus städtischen Gerichts- und Verwaltungsgremien ausgeschlossen, dafür hatten sie aber innerhalb der jüdischen Gemeinde ihre eigenen Gremien und Räte. Sie konnten zudem frei wählen, ob sie im Falle eines Rechtsstreits von der jüdischen oder der städtischen Gerichtsbarkeit Gebrauch machen wollten. Insgesamt besaß die jüdische Bevölkerung in Speyer eine hohe gesellschaftliche Reputation und Ansehen.
Problematisch war jedoch ihre Tätigkeit als Geldgeber für hochrangige Würdenträger wie dem Speyrer Bischof und dem König. Durch ihre Beziehungen wurden sie auf die Bühne der Politik gezogen und wurden in den Machtkampf zwischen Stadtrat und Bischof verwickelt. Von Seiten der Speyrer Bürger wurde die enge Bindung an den König mit Misstrauen gesehen, da man um die eigene hart erkämpfte Unabhängigkeit fürchtete, sollten König oder Bischof sie mit Hilfe der Juden zurückgewinnen wollen.

1.6.Krisenreiches 14. Jahrhundert

Im späten 13. und im 14. Jahrhundert wurde die Stadt zunehmend unabhängiger vom Bischof. Der bürgerliche Stadtrat übernahm nach und nach seine Kompetenzen, bis 1349 schließlich eine reine Zunftverfassung vom Stadtrat erlassen wurde. Mit dem schwindenden Einfluss von Bischof und König schwand aber auch der Schutz für die Juden, der bisher von König und Bischof gewährleistet wurde. Zugleich wurde seit dem 13. Jahrhundert von den Königen immer höhere Abgaben gefordert, denen die Juden nachkommen mussten.
Als sich Anfang des 14. Jahrhunderts mehrere Juden unter dem Schutz des Kaisers in Speyer niederlassen wollten, ohne dass Zustimmung von der bereits existierenden jüdischen Gemeinde eingeholt worden war, wurden sie vom Judenrat abgewiesen. Die Juden fühlten sich in ihrer Autonomie angegriffen, wandten sich an den Stadtrat und erhielten gegen Bezahlung 1333 eine Bestätigung ihrer Autonomie. Trotzdem wurden die Juden als Parteigänger des Königs gesehen, was zu Krisen führte, wenn die Stadt mit einem König im Streit lag. So auch im Jahr 1348, als König Karl IV., zu dem Zeitpunkt noch Gegenkönig für Ludwig den Bayern, aus der Stadt vertrieben wurde. Man warf den Juden vor, mit ihm zu kooperieren und ihn finanziell zu unterstützen.
Zugleich stieg die finanzielle Belastung der jüdischen Gemeinde durch die Angewohnheit der Könige, bei Finanzproblemen auf die Juden und das Judenregal zurückzugreifen. Allein das Speyrer Judenprivileg wurde zwischen 1298 und 1349 mindestens zehnmal verpfändet, unter anderem an die Pfalzgrafen. Wie gravierend die finanzielle Situation inzwischen geworden war, kann man am folgenden Fall sehen. Im Jahr 1340 forderte König Ludwig der Bayer 1200 Pfund Heller von der jüdischen Gemeinde. Diese konnten eine solche Summe aber nicht aufbringen und mussten 1100 Pfund Heller von der Stadt leihen.
Wie zahlreiche andere jüdische Gemeinden blieb auch Speyer nicht von den Pestpogromen verschont. Im Januar 1349 wurde die jüdische Gemeinde unter Vorwurf der Brunnenvergiftung und Verschwörung zum Mord an den Christen verfolgt und ermordet, die Gemeinde wurde dabei völlig zerstört. Einigen gelang die Flucht, unter anderem zum Pfälzer Kurfürsten nach Heidelberg. Nachdem der Pogrom verstrichen war, klagten die Überlebenden um Restitution. Gleichzeitig forderten die Fürsten, welche Judenregalien und somit ein Recht auf einen Teil der Einkünfte jüdischer Siedler besaßen, auch einen Teil an der Hinterlassenschaft der Gemeinde. Der König überließ der Stadt das gesamte Gut der Juden, um ihre Unterstützung für seine Politik zu gewinnen.

1.7.Niedergang der Gemeinde

1352 wurden wieder Juden in Speyer aufgenommen, doch konnte die neue jüdische Gemeinde nicht mehr die Größe und Bedeutung der vorherigen gewinnen. Wirtschaftliche Probleme gab es durch christliche Konkurrenten im Kreditgeschäft, sodass die Juden auch allmählich als Geldleiher abgedrängt wurden. Die Autonomie ging ebenfalls verloren, da die Stadt ihnen keine gewährte und nun als alleiniger Schutzherr für die Juden auftrat, nachdem der König auf seine Ansprüche verzichtet hatte.
1354 wurde den Juden ein bestimmtes Wohngebiet zugeordnet, zwischen Webergasse und Schulhof. Die Häuser gehören der Stadt, die Juden dürfen keine eigenen Grundstücke mehr kaufen. Die Gemeinde wurde allmählich wieder aufgebaut, eine Frauenschule wurde neben der Synagoge errichtet, und die eigene Gerichtsbarkeit bei kleineren Delikten wurde wieder gewährt. 1358 wird ein Teil des Judenfriedhofs an 16 Juden verkauft, in der Urkunde ist von Gemeindebesitz die Rede, nicht von privatem Eigentum. Es zeigt sich jedoch bald, dass trotz des Verbotes Juden ermöglicht wurde, Grundstücke in der Stadt zu erwerben, auch als Privatpersonen. In den 1360er Jahren scheint die Finanzkraft der jüdischen Familien soweit erholt, dass sie wieder als Geldgeber für die Bischöfe fungieren konnten, die zahlreiche Anleihen vornahmen.
Die rechtliche Situation verschlechterte sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts erneut. 1371 wird endgültig die unbefristete Aufenthaltserlaubnis abgeschafft, von nun an wird nur eine befristete Siedlungserlaubnis gewährt, die gegen zusätzliche Zahlungen eventuell verlängert werden konnte. 1387 wurden mehrere Verbote erlassen, unter anderem durften Juden keine christlichen Angestellten mehr beschäftigen und keinen Geldwechsel betreiben. Zudem wurden spezifische Kleidervorschriften erlassen. 1385 verkündete König Wenzel eine Schuldentilgung, mit der Schuldnern von jüdischen Geldgebern ihre Schulden erlassen wurden. Die SchUM-Städte standen dem zunächst ablehnend gegenüber, da sie noch auf die Finanzkraft der jüdischen Gemeinden bauten und vor allem die Bischöfe auf sie angewiesen waren, doch als 1390 eine erneute Schuldentilgung angeordnet wurde, führten sie diese durch.
Diese Schuldentilgungen waren ein Annäherungsversuch Wenzels an die Städte, um ihre Unterstützung zu erlangen. Aufgrund seiner eigenen Geldprobleme forderte er zudem zusätzliche Zahlungen von den jüdischen Gemeinden, deren Finanzkraft dadurch erheblich geschwächt wurde. Der Speyrer Stadtrat wollte sichergehen, dass der König keine Ambitionen auf das Judenregal erhob und ließ sich im Jahr 1394 bestätigen, dass das Regal mit all seinen Einkünften und Besitzansprüchen der Stadt gehörte. Dies wiederholte sich 1401, als der Stadtrat das Judenprivileg von Wenzels Nachfolger, König Ruprecht kaufte und Ansprüche auf sämtliche Abgaben der jüdischen Gemeinde erhob. Trotzdem verlangte Ruprecht 1404 die Zahlung eines „Opferguldens“ von den jüdischen Gemeinden, die in seine Kasse wandern sollte.

1.8.Auflösung der Gemeinde im 15. und 16. Jahrhundert

Jüdisches Museum Speyer[Bild: Klaus Venus]

Im Jahr 1405 wurden die Juden wieder aus Speyer vertrieben, nachdem der Fall einer zum Judentum konvertierten Magd bekannt wurde. Sie durften sich kurz darauf wieder ansiedeln, nur um 1415 das Siedlungsrecht erneut aufgekündigt zu bekommen. Den jüdischen Friedhof verpfändete die Stadt an Weber, die ihn als Bleichplatz benutzten. 1421 siedelten sich einige jüdische Familien wieder in Speyer an und bekamen zumindest den Schutz vor Übergriffen von außenstehenden Parteien zugesichert. Sie konnten ihre eigenen Immobilien kaufen, bekamen den Status des Judenbürgers und kauften auch den jüdischen Friedhof von der Stadt zurück. Doch schon 1435 wurde die jüdische Gemeinde erneut vertrieben.
Das ständige hin und her verhinderte, dass sich eine stabile Gemeinde entwickeln konnte, und auch langjährige Verwaltungsstrukturen lösten sich auf. Im Laufe der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verschwindet der Speyrer Judenrat. Im Jahr 1467 siedelten sich wieder einige jüdische Familien in Speyer an und gingen eine Schutzvereinbarung für zehn Jahre ein. Schon ein Jahr später forderte Bischof Matthias Rahmung, dass den Juden bestimmte Restriktionen auferlegt werden sollten: Eine feste Kleiderordnung, Kontaktverbot zu Christen –kaum durchsetzbar- und ständige Überwachung des Judenviertels. Die jüdische Gemeinde konnte durch Geldzahlungen an den Bischof die Umsetzung dieser Maßnahmen verhindern.
Im 16. Jahrhundert kam es wieder zu mehreren Vertreibungen, in dieser Form zieht sich die Geschichte der jüdischen Gemeinde Speyers durch die gesamte Neuzeit. Bemerkenswert ist noch das Speyrer Privileg von 1544, in welchem die umfassendsten Rechte festgeschrieben wurden, welche die Juden seit langem erhalten hatten. Ihnen wurde sicherer Geleit auf Straßen und Flüssen garantiert, Pogrome und das Schließen der Synagoge waren verboten, ebenso Prozesse zu Ritualmordbeschuldigungen. Zudem durften Juden beim Geldverleih höhere Zinsen fordern, und auch die Kleiderordnung wurde gelockert. Die Wirkung blieb jedoch nicht von langer Dauer, wenige Jahre später wurde die jüdische Gemeinde erneut aus Speyer vertrieben. Ein schwerer Schlag war der Übergang des Judenhofes mit Synagoge, Mikwe und Tanzhaus in den Besitz der Stadt im späten 16. Jahrhundert, mit der sich die jüdische Gemeinde bald komplett auflöste.

Literatur

  • Haverkamp, Alfred: Zur Siedlungs- und Migrationsgeschichte der Juden in den deutschen Altsiedellanden während des Mittelalters. In: Juden in Deutschland. Hrsg. von Mateus, Michael. Stuttgart 1995.
  • Preißler, Matthias: Die SchUM-Städte am Rhein. Speyer (Schpira) – Worms (Warmaisa) – Mainz (Magenza). Regensburg 2012.
  • Stemberger, Brigitte: Geschichte der Juden in Deutschland von den Anfängen bis zum 13. Jahrhundert. In: Juden in Deutschland. Zur Geschichte einer Hoffnung. Hrsg. Von Peter von der Osten-Sacken. Berlin 1980.
  • Voltmer, Ernst: Zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Speyer. Die Judengemeinde im Spannungsfeld zwischen König, Bischof und Stadt. . In: Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Hrsg. Von Alfred Haverkamp. Stuttgart 1981.
  • Ziwes, Franz-Josef: Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters. Hannover 1995.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 21.03.2013