1.Die jüdische Gemeinde Magenza

Ansicht Mainz 1565 von Franz Behem[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/0/0a]

Mainz gehört zu den ältesten städtischen Siedlungen Deutschlands. Sie war ursprünglich ein von den Römern gegründetes Legionslager namens Mogontiacum und wurde später zur Garnisonsstadt und zum Verwaltungszentrum ausgebaut. Spätestens im 6. Jahrhundert wurde Mainz Bischofssitz, im 8. Jahrhundert ein Erzbistum und entwickelte sich im Laufe des Frühmittelalters zu einer bedeutenden Handelsstadt. Über den Rhein wurden Waren für den Fernhandel transportiert, darunter Gebrauchs- und Luxusgüter aus dem Orient. Maßgebliche Träger des Fernhandels waren zu dieser Zeit die Juden. Sie nannten Mainz Magenza. Im 11. Jahrhundert wurde Mainz auch ein politisches Zentrum, zu sehen unter anderem an den Königskrönungen Heinrichs II. 1002 und Konrads 1024, die im Mainzer Dom stattfanden.

1.1.Älteste Siedlungsnachweise

Glückwunsch der Jüdischen Gemeinde zur Wahl eines neuen Erzbischofs[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Die erste schriftliche Erwähnung einer Mainzer jüdischen Gemeinde stammt aus dem Jahr 917. Der Geschichtsschreiber Regino von Prüm berichtet von einem Beschluss der Mainzer Synode, dass im Falle eines Mordes an einem Juden der Täter auf gleiche Weise wie der Mörder eines Christen bestraft werden sollte, wenn Hass oder Gier das Motiv waren. Tatsächlich wird die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre existiert haben.
Um 937 ersuchte der Mainzer Erzbischof Friedrich Papst Leo VII. um Rat und fragte, ob er die Juden in seiner Stadt zwangstaufen oder lieber vertreiben solle. Die Antwort des Papstes verbat Zwangstaufen und riet zu Predigten, um die Juden zum Konvertieren zu bewegen. Sollten sie nicht kooperieren, sei eine Vertreibung akzeptabel. Die Konsequenzen dieses Briefwechsels, ob es tatsächlich zu einer Vertreibung kam, sind auf Grund der schlechten Quellenlage nicht bekannt. Sicher ist, dass die reiche jüdische Gemeinde in Mainz bereits im 10. Jahrhundert zum bedeutendsten Zentrum des aschkenasischen Judentums aufstieg und sein Einfluss über das Rheinland hinaus reichte.

Das alte Judenviertel lag nahe am Rhein bei verschiedenen Märkten, unter anderem dem Flachsmarkt, Speisemarkt, Fischmarkt und dem Handelszentrum am Brand. Dort befanden sich auch die Synagoge und das rituelle Bad, in Mainz Kaltes Bad genannt. Es gab zudem ein eigenes jüdisches Hospital, ein Backhaus und eine Metzgerei. Ein Franziskanerinnenkloster und der Erzbischofshof lagen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Judenviertel. Es wohnten auch viele Christen im Judenviertel, die Straßen waren dicht bebaut und der Wohnplatz begehrt. Im 12. Jahrhundert wurden Innenhöfe angelegt, um die Grundstücke für die wachsende Bevölkerung optimal auszunutzen.

1.2.Die Mainzer Jeschiwa und ihre Gelehrten

Seine große Bedeutung verdankte die Mainzer jüdische Gemeinde vor allem ihrer Talmudhochschule, die viele berühmte und einflussreiche Gelehrte anzog. Einer der bedeutendsten Gelehrten des aschkenasischen Judentums und Gründer der Mainzer Talmudhochschule war Gerschom ben Jehuda, auch Me'or ha' Gola, die Leuchte des Exils genannt. Er lebte von ca. 950/60 bis 1028/1040, seine Lebensdaten sind nicht gesichert. Bekannt wurde er vor allem für seine zahlreichenden Rechtsgutachten, welche die Auslegung des jüdischen Gesetztes in den aschkenasischen Gemeinden prägten und noch lange nach seinem Tod nachwirkten. Unter anderem verbot Gerschom die Polygamie, welche zwar schon länger nicht mehr praktiziert wurde, aber noch nicht ausdrücklich für gesetzeswidrig erklärt worden war. Auch legte er fest, dass ein Mann sich nicht ohne Zustimmung seiner Frau scheiden lassen durfte. Er musste außerdem für den Unterhalt seiner Frau sorgen, wenn er vereist war, wobei er nicht länger als 188 Monate am Stück unterwegs sein durfte. Auch legte er eine Form des Briefgeheimnisses fest. Gerschom verfasste außerdem Poesie, die bis heute gelesen wird.
Unter seinem Einfluss wurde Mainz zum Zentrum der rabbinischen Gelehrsamkeit, und sollte es die nächsten 200 Jahre bleiben. Einer seiner Schüler, Jakob ben Jakar, wurde später der Lehrer von Raschi, der als der bedeutendste jüdische Gelehrte des Mittelalters gilt. Sowohl Gerschom als auch Jakar wurden auf dem Judensand begraben.
Eine weitere bedeutender Gelehrter war Elieser ben Nathan, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Mainz lebte. Sein Hauptwerk Eben-ha-Eser ist bis heute eine wichtige Quelle für die Bräuche und Gerichtsentscheidungen der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde. Auch verfasste er zahlreiche liturgische Gedichte und Lieder.
Der 1427 verstorbene Rabbiner Jacob Molin, genannt Maharil, war ebenfalls ein bedeutender Gelehrter. Er sammelte und notierte die Bräuche der Gemeinde, damit nach einem Pogrom oder einer Vertreibung die jüdische Gemeinde anhand der Aufzeichnungen wieder aufgebaut werden konnte. Auch ordnete er an, dass die liturgische Musik nie verändert werden und in ihrer ursprünglichen Form bewahrt werden sollte. Er ist auf dem Wormser Judenfriedhof begraben.

1.3.Der Judensand

Judensand[Bild: Stadt Mainz, Amt für Öffentlichkeitsarbeit]

Der Mainzer Judenfriedhof, Judensand genannt, ist der älteste jüdische Friedhof Europas. Er besitzt Grabsteine aus dem frühen 11. Jahrhundert, der älteste wird auf 1049 datiert. Der Friedhof erstreckte sich entlang der heutigen Mombacher Straße und wurde bis ins 15. Jahrhundert hinein von Juden aus Mainz und der näheren Umgebung genutzt. Jedoch wurde der Friedhof 1438 komplett abgeräumt, so dass nur noch wenige Grabsteine erhalten sind, die als Baumaterial verwendet und später wieder aufgefunden wurden. Ein Teil des Judensandes wurde ab dem 16. Jahrhundert wieder für Bestattungen verwendet, bis 1937 befanden sich dort wieder etwa 1.500 Steine, die noch heute erhalten sind. 1926 wurde auf der nicht genutzten Fläche des alten Friedhofs ein Denkmalfriedhof errichtet, die wieder aufgefunden Steine wurden dort aufgestellt, inzwischen sind es 210 Stück.

1.4.Das 11. Jahrhundert

1027 wurden die Juden von König Heinrich II. aus Mainz vertrieben und teilweise auch zwangsgetauft. Vermutlich geschah dies als Reaktion auf die Zerstörung des Heiligen Grabes in Jerusalem, denn es wurde behauptet, Juden hätten die Zerstörung in Auftrag gegeben. Eine andere Möglichkeit wäre der Übertritt des Geistlichen Wetzelin zum Judentum, welcher sich zur gleichen Zeit ereignete. Bereits ein Jahr später hatten sich wieder Juden in Mainz angesiedelt.
Die älteste bekannte jüdische Synagoge stand auf dem Eckgrundstück der heutigen Schusterstraße/Stadthausstraße. Sie wird 1093 erstmals erwähnt, bereits während des Pogroms von 1096 zerstört und anschließend wieder aufgebaut.
1084 kam es in Mainz zu einem Stadtbrand mit bis heute unbekannter Ursache. Viele Juden zogen aus Furcht vor einem Pogrom nach Speyer, wo der dortige Bischof Privilegien versprach, um die Juden als Kaufleute in seine Stadt zu locken. Es gibt keine Hinweise darauf, dass ein Pogrom tatsächlich stattgefunden hat.
Anders verhielt es sich im Jahr 1096, als das Heer des ersten Kreuzzuges durch das Rheinland zog und dabei die auf dem Weg liegenden jüdischen Gemeinden überfiel. Vor dem Pogrom lebten in Mainz etwa 600 bis 700 Juden, die meisten wurden vom Mob ermordet. Der Bischof hatte den Juden zuerst Unterschlupf in seiner Burg gewährt, doch nachdem er selbst ebenfalls von den Angreifern bedroht worden war, floh aus der Stadt. Die Juden wurden in der Burg zusammengetrieben und ermordet, wenn sie die Taufe verweigerten. Einige Juden fanden Unterschlupf bei ihren christlichen Nachbarn, die sie vor den Angreifern versteckten, und überlebten auf diese Weise. Die Synagoge wurde von einem Juden niedergebrannt, damit sie nicht in eine Kirche umgewandelt werden konnte. Rabbi Kalonymus ben Meschullam sandte einen Brief an Kaiser Heinrich IV. in Italien, berichtete von der Bedrohung und der Not der Juden und bat um Hilfe. Da Heinrich durch eigene Konflikte gebunden war, befahl er den ansässigen Stadt- und Territorialherren, die jüdischen Gemeinden zu beschützen. Diese Anweisung wurde jedoch nur von wenigen Fürsten befolgt.

1.5.Blütezeit im 12. und 13. Jahrhundert

Privileg von 1295[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Nach dem Pogrom wurde die jüdische Gemeinde rasch wieder aufgebaut. Mainz blieb trotz der Ereignisse ein Zentrum jüdischer Siedlung, allein auf dem Gebiet des Erzstifts fanden sich Ende des 11. Jahrhunderts wieder mindestens 20 jüdische Niederlassungen. Die Mainzer jüdische Gemeinde konnte sich relativ schnell erholen. Der Status der Stadt Mainz als Handelszentrum, den sie im 11. und 12. Jahrhundert besaß, begünstigte den Wohlstand der jüdischen Gemeinde, da viele Juden als Kaufleute arbeiteten. Das 12. und auch noch das 13. Jahrhundert waren eine wirtschaftliche Blütezeit für die Mainzer Gemeinde.
1150 beschloss die jüdische Synode von Troyes, dass die SchUM-Städte die halachische Kompetenz für das aschkenasische Judentum übernehmen sollten, also die Auslegung der Gesetze in Talmud und Tora bestimmen würden. Die Mainzer Rabbinerversammlung bestätigte den Beschluss, und für die nächsten Jahrzehnte wurden die SchUM-Städte neben dem geistigen auch zum politisch-rechtlichen Zentrum des aschkenasischen Judentums.
Am 15.5.1265 schloss der Mainzer Erzbischof Werner zusammen mit den Städten Frankfurt, Friedberg, Wetzlar, Gelnhausen und mehreren umliegenden Adeligen einen auf drei Jahre befristeten Landesfrieden, in dem auch die Juden mit eingeschlossen waren. Sie sollten damit vor Übergriffen in der Umgebung geschützt werden. Trotz der Bemühungen der Obrigkeit, die Juden zu schützen, welche als kapitalstarke Händler, mehr noch aber als Geldverleiher und Finanziers für Fürsten und Bischöfe eine wichtige Stellung einnahmen, kam es wiederholt zu Pogromen. 1281 und 1283 fanden zwei zu Ostern statt, wobei der jüdischen Gemeinde ein Ritualmord vorgeworfen wurde, und dass sie das Blut von Christen in dämonischen Ritualen verwenden würde.
1294 wird das Judenregal vom Erzbischof auf die Stadt übertragen. Von nun an bestimmte der Stadtrat über die Annahme jüdischer Immigranten, über die Verleihung des Bürgerrechts an Juden und über die Schutzmaßnahmen für ihre Sicherheit. 1310 wird im Mainzer Konzil bestimmt, dass Christen nicht mehr bei Juden wohnen dürften.

 

1.6.Niedergang im 14. Jahrhundert

Die Zahl der jüdischen Einwohner sank bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, nur noch etwa 350 Juden lebten in Mainz, halb so viel wie im 11. Jahrhundert. Im Frühjahr 1349 erreichte eine Gruppe sogenannter Judenschläger Mainz. Diese Gruppen zogen durch das Land und überfielen Juden, um sie auszurauben und zu töten. Nach Mainz wurden sie nicht eingelassen und mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Nur wenige Monate später, am 23. August 1349, kam es zu einem Pestpogrom, wie sie in ganz Europa zu jener Zeit stattfanden. Der Ausbruch der Pest in Mitteleuropa schürte in vielen deutschen Orten Angst und Panik, oft wurden die Juden beschuldigt, die Krankheit eingeschleppt zu haben und damit ihre Ermordung und Vertreibung gerechtfertigt. Die Mainzer jüdische Gemeinde wurde komplett vertrieben, viele wurden getötet. Der restliche Besitz der Juden wurde von der Stadt konfisziert.
Spätestens 1352 wurden Juden wieder in Mainz aufgenommen, ihr Eigentum wurde aber von der Stadt einbehalten. Auch verschlechterte sich der Rechtsstatus der neuen Gemeinde. Bis dahin hatten die Juden bis auf einige Ausnahmen das gleiche Bürgerrecht inne wie ihre christlichen Nachbarn, dies wurde ihnen nun aber verweigert. Juden durften keine Immobilien mehr besitzen und nur noch zur Miete wohnen. Die Mietshäuser, in die sie geschickt wurden, waren die Wohnhäuser der jüdischen Bewohner von vor dem Pogrom. Auch wurde nur noch befristeter Aufenthalt gewährt, eine Verlängerung musste teuer erkauft werden.
1356 erwarb Kurmainz wie alle anderen Kurfürstentümer zuvor das Judenregal. Es wurden gezielt nur noch kapitalkräftige Juden angesiedelt, die als Geldgeber dienen konnten. Das Judenregal wandelte sich zunehmend von einer Schutzpflicht zu einem Nutzungsrecht, aus dem möglichst viel Kapital geschlagen wurde. Die oft hoch verschuldeten Kurfürsten hofften so auf eine Verbesserung ihrer finanziellen Situation. Zugleich bemühten sie sich über die Juden, die ja oft in den Städten angesiedelt waren, neuen Zugriff auf die Städte zu erhalten, die in dieser Zeit verstärkt auf ihre Unabhängigkeit hinarbeiteten.

1.7.Das Ende der jüdischen Gemeinde im 15. Jahrhundert

1438 wurden die Juden auf betreiben der Zünfte, die die Hälfte der Sitze im Stadtrat erlangt hatten, aus der Stadt ausgewiesen, der Judenfriedhof zerstört und die Synagoge zum Kohlelager umfunktioniert. Der Bischof und die Patrizier sprachen sich gegen diese Entscheidung aus, denn Mainz war hoch verschuldet und die Juden wichtige Geldgeber. In den nächsten Jahrzehnten liessen sich zwar wiederholt Juden in Mainz nieder, wurden aber meist nach einigen Jahren wieder vertrieben, so dass sich keine funktionierende Gemeinde mehr aufbauen konnte. Die Zahl der jüdischen Bewohner schwankte zwischen ca. 100 und 130 Personen. Zugleich stieg die steuerliche Belastung durch neue Abgaben und höher werdende Gebühren für die Erneuerung der Aufenthaltserlaubnis. Auch für Geleit außerhalb der Stadt und Beerdigungen wurden Sonderzahlungen verlangt.
Im Jahr 1462 wurde die Stadt während der Mainzer Stiftsfehde von den Truppen Adolfs II. von Nassau eingenommen und geplündert. Die Stadtbewohner wurden misshandelt und getötet, ihre Wohnungen geplündert, viele Patrizier verliessen die Stadt. 1470 wurden schließlich alle Juden aus dem gesamten Erzbistum ausgewiesen. Die nächsten hundert Jahre bis 1538 blieb Mainz ohne eine jüdische Gemeinde. Die übrig gebliebenen Besitztümer der Juden gingen als sogenanntes Judenerbe in den Stadtbesitz über, dabei handelte es sich vor allem um Gebäude im Judenviertel. Der Judenfriedhof wurde aufgelöst und die Grabsteine abgebrochen und bei Bauarbeiten in der Stadt verwendet. Die Synagoge wurde 1473 in eine Allerheiligen-Kapelle umgewandelt.
Trotzdem gab es weiterhin Juden in Mainz, nur handelte es sich um einzelne Personen mit individuellen Regelungen für ihren Schutz und meist mit spezifischen Grund für ihren Aufenthalt. Vor allem Spezialisten wie Mediziner und Architekten kamen für bestimmte Projekte nach Mainz und genossen generell den Schutz ihres Auftraggebers. 1492 wurde im Auftrag des Erzbischofs Henneberg für durchreisende Juden das Haus „Zum Kalten Bad“ als Herberge eingerichtet. Es wurde einem Juden namens Isaak übergeben, der das Haus als Wohnung nutzen durfte und dafür die Herberge verwaltete. Dafür hatte er auch die Erlaubnis, ein Judenbad zu unterhalten und Bestattungen auf dem Judensand, der nun wieder als Friedhof diente, durchzuführen. Es war ihm ausdrücklich verboten, Handel zu treiben und Feste oder Versammlungen abzuhalten.

1.8.Konsolidierung während der Frühen Neuzeit

Judenviertel 1637[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Im Jahr 1568 wird eine Judengasse, die heutige Synagogenstraße, am nördlichen Siedlungsrand erwähnt. Sie diente während der gesamten Neuzeit als neues Judenviertel. Dort wohnten mehrere jüdische Familien und unterhielten auch eine eigene Schule, bis 1568 auch sie ausgewiesen wurden und sich stattdessen Christen in der Straße niederließen. Im Jahr 1578 werden in einer Bittschrift der Mainzer Goldschmiede wieder Juden in Mainz erwähnt. In der Bittschrift wird verlangt, dass den Juden das Aufkaufen von Bruchsilber verboten werde. 1594 wird zudem wieder eine Synagoge erwähnt, sie befand sich in der Nähe des Hauses zum Kalten Bad.
Um 1630 hatte sich die jüdische Gemeinde durch den Zuzug neuer Siedler aus umliegenden Städten wie Worms und Frankfurt wieder erholt und konsolidiert, sodass wieder ein eigener Rabbiner gestellt werden konnte. Der Name des ersten Rabbiners war Jehuda Löb, er war aus Frankfurt am Main nach Mainz gekommen. Der Dreißigjährige Krieg brachte schwere Zeiten für die ganze Region und auch für die jüdischen Gemeinden. Im Jahr 1631 eroberten schwedische Truppen Mainz und forderten von der jüdischen Gemeinde 20.000 Reichstaler, angeblich um die Synagoge zu retten. 1639 wurde beim Bleidenstädter Hof in der Klarastraße eine neue Synagoge errichtet, welche 1649 weiter ausgebaut wird.
1644 leben wieder etwa 350 Juden in Mainz, doch schon 1662 wird die Gemeinde erneut dezimiert. Erzbischof Johann Philipp von Schönborn ordnete an, dass sich maximal 20 jüdische Familien in Mainz niederlassen durften. Die Synagoge in der Klarastraße wurde zum Verkauf freigegeben, und Juden durften sich nur noch in einer Gasse am nördlichen Stadtrand niederlassen. Als Handel durften sie nur Tuch- und Seidenkrämerei betreiben sowie Pferde, Vieh, Bettwerk und gebrauchte Gegenstände wie alte Kleidung, Zinn, Kupfer und Messingwerk verkaufen. Pro Haushalt durfte maximal ein Knecht oder eine Hausmagd arbeiten und an Sonn- und Feiertagen hatten alle Juden in ihren Häusern zu bleiben.
Im Jahr 1671 wird die Zahl der erlaubten Familien auf zehn gesenkt, fremde Juden durften die Stadt nur durch zwei Tore betreten. Außerdem wurden die Juden in die alte Judengasse umgesiedelt, wo die Straße mit Toren abgesperrt werden konnte. Trotz der offiziellen Einschränkungen lebten 1687 etwa 250 Juden in Mainz, 1684 wird eine kleine Synagoge in der Judengasse gebaut, in deren Keller sich ein Frauenbad befand. Im Gegensatz zum alten Judenviertel befand sich die Judengasse am Stadtrand abseits der Märkte.
Erzbischof Lothar Franz von Schönborn lieh sich bei den Juden viel Geld. Er erlaubte ihnen im Gegenzug, einen Rabbiner, Vorsänger, Schuldiener, Arzt und Hoffaktor einzustellen. Außerdem erhöhte er die Zahl der Juden, die sich in Mainz niederlassen durften, auf 100, es lebten aber bereits weit mehr in der Stadt.

1.9.Die Gemeinde im 18. Jahrhundert

Synagogenplatz heute[Bild: Katharina Ücgül/IGL]

Im 18. Jahrhundert erholte sich die Mainzer jüdische Gemeinde allmählich wieder. Trotz der Restriktionen konnten einige Familien ihren Reichtum ausbauen und somit als Geldgeber des Erzbischofs auftreten. Auch ihre Autonomie konnte die Gemeinde teilweise wiederherstellen, sie besaß einen eigenen Vorstand, ein eigenes Siegel, eine eigene Finanzverwaltung und eine eigne Rechtsprechung. In den 1780er Jahren wurden 884 Juden in Mainz registriert, 667 Schutzjuden und 181 ohne Schutzrecht. Mit der steigenden Einwohnerzahl wurde es bald nötig, das Judenviertel auszubauen und neue Wohnhäuser zu errichten, was auch von der Obrigkeit gewährt wurde.
Mit dem Ausgreifen der Aufklärung verbesserte sich die Stellung der Juden in der Gesellschaft. Sie durften nach abgelegter staatlicher Prüfung als Staatsbeamte und als Lehrer arbeiten, konnten Manufakturen gründen und sich in jedem Gewerbe betätigen, dass nicht in Zünften organisiert war. Ab 1784 durften Juden auch an der Mainzer Universität die ärztliche Prüfung ablegen, im Jahr 1788 promovierte Josef Hamburg als einziger jüdischer Student an der Universität. Für alle Kinder gleich welcher Religion war eine staatliche Schulbildung verpflichtend. Auch das Bestattungswesen und die Rechtsprechung wurden reformiert. Schließlich wurden auch die Absperrungen zum Judenviertel abgerissen und den Juden erlaubt, sich in der ganzen Stadt niederzulassen, auch wenn viele Juden es weiterhin bevorzugten, im Judenviertel zu leben.
Heute ist nur wenig von der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde erhalten, nämlich einige alte Grabsteine vom Judensand. Von den anderen Bauwerken, Synagoge, Bad, Tanzhaus oder Spital hat nichts die Zeit überdauert. Im Mittelalter war die jüdische Gemeinde in Mainz eine der bedeutendsten im Deutschen Reich, doch während der Frühen Neuzeit verlor sich ihr Einfluss durch zahlreiche Vertreibungen und Zerstörungen. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts erholte sich die jüdische Präsenz in Mainz soweit, dass wieder eine intakte jüdische Gemeinde entstehen konnte.

1.10.Literatur

  • Haverkamp, Alfred: Zur Siedlungs- und Migrationsgeschichte der Juden in den deutschen Altsiedellanden während des Mittelalters. In: Juden in Deutschland. Hrsg. von Mateus, Michael. Stuttgart 1995.
  • Preißler, Matthias: Die SchUM-Städte am Rhein. Speyer (Schpira) – Worms (Warmaisa) – Mainz (Magenza). Regensburg 2012.
  • Schütz, Friedrich: Die Geschichte des Mainzer Judenviertels. In: Juden in Deutschland. Hrsg. von Mateus, Michael. Stuttgart 1995.
  • Stemberger, Brigitte: Geschichte der Juden in Deutschland von den Anfängen bis zum 13. Jahrhundert. In: Juden in Deutschland. Zur Geschichte einer Hoffnung. Hrsg. Von Peter von der Osten-Sacken. Berlin 1980.
  • Ziwes, Franz-Josef: Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters. Hannover 1995.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 21.03.2013