1.Legenden der SchUM-Gemeinden

Die SchUM-Städte waren während dem Mittelalter das geistige, kulturelle und politische Zentrum des aschkenasischen Judentums. Die drei Gemeinden waren somit auch fruchtbarer Boden für zahlreiche Legenden über ihre Gründung, ihre Geschichte und vor allem ihre Gelehrte, von denen einige wie Heilige verehrt wurden.

1.1.Gründungslegenden

Eine Legende spricht von Worms als Ort der ältesten jüdischen Gemeinde, welcher schon seit dem 6. Jahrhundert vor Christus von Juden besiedelt worden sei, wobei verschiedene Versionen zur Gründung existieren. In einer wären schon nach der ersten Zerstörung des Tempels von Jerusalem 587 v. Chr. Juden ins Rheinland gezogen und hätten sich dort niedergelassen. Sie hatten somit auch nichts mit der Hinrichtung Jesu zu tun, hätten die Richtigkeit der Hinrichtung verneint und seien somit frei von jeglicher Schuld an seinem Tod.
Eine weitere Legende spricht von der Besiedlung Worms‘ nach der zweiten Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. Marzellus von Dalberg, Stammvater der Wormser Kämmerer, habe eine Gruppe von Juden an den Rhein geführt, dort Synagoge und Talmudhochschule erbaut, und die Siedlung Klein Jerusalem genannt.
Wieder eine andere Legende spricht davon, dass ein Teil des Stammes Benjamin von den verlorenen zehn Stämmen der Bibel, sich in Worms niederließ. Letztlich sind jedoch all diese Legenden nicht haltbar und entstanden meist lange nach der Gründung der Wormser jüdischen Gemeinde.

1.2.Wormser Legenden über Raschi und fremde Märtyrer

Die wohl beliebteste Thematik in den jüdischen Legenden sind jedoch Gelehrte und Rabbiner, die als Vorbilder für Weisheit, Frömmigkeit und Standhaftigkeit dienten. Gegenstand solcher Legenden sind dabei sowohl gänzlich erfundene wie auch real existierende Personen.
Salomo ben Isaak, kurz Raschi, gilt als der bedeutendste jüdische Gelehrte des Mittelalters. Dementsprechend ranken sich um ihn viele sagenhafte Geschichte. In einer heißt es, sein Vater habe, nachdem er einen Edelstein ins Meer geworfen hatte, eine Prophezeiung erhalten. Laut dieser würde sein Sohn wie ein Edelstein leuchten. Eine weitere Legende berichtet davon, dass Raschis Mutter, als sie mit ihm schwanger war, nur knapp dem Tod entrann. Sie ging durch eine enge Gasse neben der Synagoge, als eine Kutsche auf sie zuraste und sie zu überfahren drohte. Auf ihr Gebet hin öffnete sich in der Ostwand der Synagoge eine Nische, in die sich die Frau ducken konnte. In einer anderen Version handelt es sich um die Mutter Jehuda he-Chassids, dem Begründer des Chassidismus.
Auch um Raschis Tätigkeiten als Gelehrter ranken sich zahlreiche Legenden und Anekdoten. So heißt es in einer Geschichte, während des ersten Kreuzzuges sei Raschi auf den Kreuzritter Gottfried von Bouillon gestoßen, der ihn nach seinem Schicksal fragte. Raschi entgegnete ihm, dass zwar der Kreuzzug erfolgreich sein würde und Gottfried gar zum König von Jerusalem gekrönt werden würde, dass er aber alles schnell wieder verlieren würde und schließlich mit nur drei Mann und einem Rosskopf nach Worms zurückkehren würde. Dies soll dann auch so geschehen sein, indem das letzte Pferd Bouillons beim Eintritt in die Stadt verstarb und nur mit dem Kopf über die Stadtgrenze gelangte.

Eine andere Legende stammt aus dem 15. Jahrhundert, als die Juden bereits in einem abgeschlossenen Viertel in Worms leben mussten. Als während der Karwoche eine christliche Prozession durch die Judengasse führte, wurde aus einem Fenster Flüssigkeit geschüttet, die den Kruzifix traf. Die Christen war empört und verlangten die Herausgabe des Schuldigen. Als die Juden dies verweigerten, drohte ein Pogrom, und den Juden wurde eine siebentägige Frist gegeben, den Schuldigen auszuliefern. Die jüdische Gemeinde bereitete sich stattdessen auf die kommende Verfolgung vor, als am letzten Tag des Ultimatums zwei Fremde erschienen. Sie gaben sich vor der christlichen Menge, die am Tor zum Judenviertel wartete, als die Schuldigen aus. Sie wurden hingerichtet und retteten somit die jüdische Gemeinde. Als Erinnerung sollten von da an zweiarmige Leuchter in der Synagoge angezündet werden.

1.3.Mainzer Legenden

Auch aus Mainz sind zahlreiche Legenden bekannt. Eine der berühmtesten stammt aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und handelt vom jüdischen Gelehrten Amnon. Er diskutierte oft mit dem Erzbischof über Religion und beeindruckte ihn mit seiner Intelligenz, sodass der Bischof ihn zur Konversion bewegen versuchte. Als sich Amnon jedoch kontinuierlich weigerte, ließ der Bischof ihn gefangen nehmen und ihm Zehen und Finger abschlagen, in anderen Versionen Hände und Füße. Amnon überlebet die Behandlung und besucht kurz darauf das Neujahrsfest in der Synagoge. Dort verschwand er vor den Augen aller Besucher und wurde "von Gott zu sich genommen".
Ebenfalls berühmt ist die Geschichte vom jüdischen Papst. Rabbi Schimon ben Jizchak aus Mainz, genannt hagadol „der Große“, war ein Zeitgenosse Gerschoms und starb gegen 1030. Laut einer Legende wurde sein Sohn Elchanan als Kind entführt, getauft und als Christ erzogen. Dank seiner Begabung stieg Elchanan in der Hierarchie der Kirche bis zum Papst auf. Doch ihm kamen Zweifel ob seiner Identität und seiner Religion, und er erließ einen antijüdischen Erlass, um jüdische Gelehrte nach Rom zu locken. Unter diesen war auch sein Vater Schimon, der ihn erkannte. Schließlich kehrte Elchanan zum Judentum zurück und gab die Papstkrone auf. Vorbild für diese Legende ist vermutlich der jüdische Gegenpapst Anaklet II., der tatsächlich im 11. Jahrhundert existierte.

Literatur

  • Schütz, Friedrich: Die Geschichte des Mainzer Judenviertels. In: Juden in Deutschland. Hrsg. von Matheus, Michael. Stuttgart. 1995.
  • Raspe, Lucia: Jüdische Hagiographie im mittelalterlichen Aschkenas. Tübingen 2006.
  • Reuter, Fritz: Die Heilige Gemeinde Worms. Zur Geschichte des Oberrheinischen Judentums. In: Juden in Deutschland. Hrsg. von Matheus, Michael. Stuttgart. 1995.

 

  • Reuter, Fritz: Warmaisa. 1000 Jahre Juden in Worms. Frankfurt a.M. 1987.
  • Ziwes, Franz-Josef: Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters. Hannover 1995.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 21.03.2013