• Gemeindeleben

Alltagsleben in der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde

Das Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern zugleich eine eigene Kultur mit zahlreichen Traditionen, Normen und Gesetzen, welche sämtliche Aspekte des Alltags beeinflussen. Jede jüdische Gemeinde im Mittelalter war daher eine eigene politische, rechtliche und religiöse Einheit, mit ihren eigenen Bräuchen und Ritualen.

Zwischen Integration und Ausgrenzung

An manchen Orten ließen sich Juden spontan nieder und gründeten eine Gemeinde, gerade im Frühmittelalter wurden Juden jedoch oft gezielt in eine Stadt eingeladen und dort angesiedelt. Die jüdische Bevölkerung bevorzugten es, nah beieinander in einem Viertel zu wohnen anstatt sich in der ganzen Stadt zu verteilen, zum gegenseitigen Schutz und um Auseinandersetzungen mit den christlichen Nachbarn zu minimieren. Die frühen Judenviertel lagen meist im Zentrum der Siedlungen, in der Nähe von Marktplätzen und damit oft in exklusiven Wohngegenden. Sie waren keine Ghettos, wie sie in der Neuzeit und im 20. Jahrhundert existierten, die jüdischen Bewohner wurden nicht eingesperrt oder bewacht. Im Gegenteil, ihre Häuser befanden sich in begehrter Lage, oft waren sogar Patrizierfamilien ihre direkte Nachbarn.
Von christlicher wie auch jüdischer Seite war eine komplette Integration aber nicht erwünscht, die jüdischen Gemeinden kämpften kontinuierlich für ihre kulturelle Autonomie. Man grenzte sich kulturell, politisch und juristisch gezielt von den Christen ab, eine Tendenz, die durch die Pogrome im Hoch- und Spätmittelalter noch verstärkt wurden. Die höchste Stufe der Integration, die von beiden Seiten akzeptiert wurde, war das Erlangen des Bürgerrechts. Vor allem in großen Städten wie Mainz, Worms und Speyer war es im Mittelalter üblich, dass Juden das gleiche Bürgerrecht besaßen wie Christen. Sie mussten die gleichen Pflichten erfüllen, etwa Verteidigung der Stadt bei einem Angriff, genossen aber auch die gleichen Rechte, wie eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Es gab aber auch einige Unterschiede, so wurden Juden des öfteren von bestimmten Abgaben befreit, konnten dafür jedoch für Sondersteuern und ähnliches herangezogen werden.

Im Verlauf des Mittelalters schotteten sich die die jüdischen Gemeinden zunehmend nach außen ab, nicht nur gegen die Christen, sondern gegen fremde Juden, die manchmal ganz abgewiesen wurden. Die s geschah vor allem als Reaktion auf die sich häufenden Pogrome seit dem 13. Jahrhundert. Die christlichen Nachbarn sahen diese Abschottung oft mit Misstrauen, man verdächtigte die Juden der Verschwörung und Ausführung geheimer, verbotener Rituale. Auch die Landesherren protestierten in vielen Fällen gegen die Isolation der Juden und zwangen sie, neue Juden aufzunehmen, um selbst dadurch höhere Steuereinnahmen erzielen zu können
Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts ging die integrative Funktion des Bürgerrechts verloren, in dem die Rechte und Privilegien der Juden stückweise eingeschränkt wurden. Ihnen wurden zusätzliche Abgaben auferlegt, die Berufswahl eingeengt und die Aufenthaltserlaubnis befristet. Doch auch dann noch besaßen die Juden einen besseren Rechtsstatus als ein Großteil der christlichen Bevölkerung: Die Leibeigenen. Sie gehörten ihrem Herren und besaßen gar keine Schutzrechte oder Sonderprivilegien.
Der Schutz der Gemeinde hing stark vom Schutzherren ab, seiner Bereitschaft, seinen Aufgaben nachzukommen, seiner Durchsetzungskraft und seiner Motivation ab. Manche Schutzherren waren nur an der eigenen Bereicherung interessiert und kümmerten sich überhaupt nicht um die Sicherheit der Gemeinde. Andere nahmen ihre Aufgaben ernst und griffen bei Unruhen und drohenden Gewaltübergriffen ein. Ab dem Hochmittelalter wurden jedoch trotzdem viele jüdische Gemeinden mehrfach zerstört oder aufgelöst.