1.Berufsfelder der jüdischen Bevölkerung im Mittelalter

Oft werden Juden mit der Geldleihe assoziiert, vor allem wenn das Thema Berufe und Judentum im Mittelalter angesprochen wird. Das Berufsleben der jüdischen Bevölkerung war jedoch um einiges diverser, und die Periode, in der die Geldleihe als Haupteinnahmequelle vieler jüdischer Familien diente, nur eine zeitlich begrenzte.

1.1.Kaufleute und Spezialisten

In den frühesten Nachweisen jüdischer Besiedlung im deutschen Raum ist meist von jüdischen Kaufleuten die Rede, so in den Privilegien Ludwigs des Frommen aus dem Jahr 825. Auch der erste namentlich genannte Jude, Isaak am Hofe Karls des Großen, wird in den Quellen als Großkaufmann bezeichnet. Die frühen jüdischen Gemeindegründungen im Rheinland im 10. und frühen 11. Jahrhundert gehen auf Kaufmannsfamilien aus Italien und Südfrankreich zurück, eine der bedeutendsten war die Familie Kalonymos. Daher siedelten sich diese Familie auch entlang der Hauptverkehrswege und Handelsrouten an, wie den Flüssen Mosel, Rhein und Main.
Die Juden übernahmen die Rolle der Fernhändler von den aus dem Norden stammenden Friesen, die diesen Beruf zuvor ausgeführt hatten, sich aber im 10 Jahrhundert zunehmend zurückzogen. Vor allem der Rhein war für die jüdischen Händler bedeutend, da mit ihm Waren aus dem Süden in die deutschen Territorien transportiert wurden. Mit ihren weitläufigen Kontakten in Italien waren jüdische Kaufleute vor allem ihm Orienthandel erfolgreich tätig, aber auch im Handel mit Osteuropa.

Es gab parallel auch noch weitere spezialisierte Berufe wie Arzt, Architekt, Techniker für Bergbau und ähnliches, die von Juden wahrgenommen wurden. Auch als Finanzberater waren sie schon früh gefragt. Solche Experten wurden vor allem in den Städten gesucht, und viele Juden reisten aufgrund ihres Berufes das ganze Jahr hindurch von Auftrag zu Auftrag. Zugleich waren Juden aber auch als Bauern und Handwerker tätig, besaßen Äcker, Gutshöfe und Werkstätten, in denen sie Waren für die jüdische Gemeinde, aber auch für Christen herstellten. Vor allem im Weinanbau und Weinhandel waren zahlreiche jüdische Familien tätig und für ihre Produktionen berühmt. Sie lieferten nicht nur an Adelige, sondern stellten sogar Messwein für die katholische Kirche her.

1.2.Handwerker und Arbeitermangel

Diese Vielfalt änderte sich mit dem Aufkommen der Zünfte im Hochmittelalter. Sie begannen, die Handwerksberufe zu kontrollieren und zu reglementieren. Nur Mitglieder der Zunft durften ihre Waren produzieren und auf dem Markt oder im eigenen Laden verkaufen, Konkurrenten wurden nicht geduldet. Da die Zunftgilden voraussetzten, dass alle Mitglieder Christen zu sein hatten, wurden die Juden abrupt vom Handwerk ausgeschlossen. Es gab auch weiterhin jüdische Handwerker, sie konnten aber nur noch innerhalb der jüdischen Gemeinde ungestört ihre Waren verkaufen. Auch aus der Agrarwirtschaft wurden die Juden gedrängt, indem der Besitz von Lehen an einen christlichen Eid gebunden wurde, den die Juden nicht leisten konnten.
Ein Problem, welches die Juden das gesamte Mittelalter hindurch hatten, war die kleine Basis von Erwerbstätigen. Selbst in den größten Gemeinden stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung selten über einige hundert Personen. Es brauchte christliche Angestellte für die Arbeiten auf dem Feld, im Laden und für die Hausarbeit, sonst konnten die Betriebe nicht ausreichend bemannt werden. Dies wiederum wurde vor allem von der Kirche kritisiert, da kein Christ sich dem Vertreter einer anderen Religion unterordnen durfte, auch nicht als Knecht oder Dienstmagd. Dies führte schließlich im Laufe des Mittelalters zu mehreren Verboten, dass Christen nicht mehr für Juden zu arbeiten hatten. Jedoch ließen sich diese Anordnungen nur schwer umsetzen, und ihre häufige Erneuerung weist darauf hin, dass sie oft schlicht ignoriert wurde.

1.3.Kreditgeber

[Bild: Stadtarchiv Speyer]

Im 12. Jahrhundert begann allmählich auch die Verdrängung der jüdischen Kaufleute aus dem Fernhandel, sie bekamen Konkurrenz durch die Italiener, welche ihre eigene Netzwerke nach Norden ausbauten und sich bemühten, die Kontrolle über den Orienthandel zu erlangen. Zugleich wurde den Christen auf dem Laterankonzil des Jahres 1179 verboten, Geldleihe zu betreiben. Diese Lücke besetzten nun die Juden, welche als Geldverleiher tätig wurden und bald auch hochrangigen Persönlichkeiten wie Bischöfen, Fürsten und Königen Kapital liehen. Dadurch wurden sie jedoch auch in die politischen Auseinandersetzungen hineingezogen und von Bürgern wie Fürsten verdächtigt, ihre eigene Agenda durch ihre Tätigkeiten als Geldverleiher zu verfolgen. Gefährlich wurde es jedoch vor allem auf lokaler Ebene für die jüdischen Gemeinden, wenn sie in den Streit zwischen Bürgerschaft und Stadtherr gezogen wurde, wie es unter anderem in Speyer geschah. Als Geldgeber des Bischofs galten sie beim Stadtrat als dessen Parteigänger, so dass der Stadtrat ihnen mit Misstrauen begegnete. Nachdem der Stadtrat die Stadtherrschaft dem Bischof abgerungen hatten, wurden Stimmen laut, die nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde verlangten, damit der Bischof nicht über sie versuchen konnte, wieder an Macht zu gewinnen. Die Furcht war nicht unbegründet, denn solche Taktiken waren schon zuvor von verschiedenen Territorialherren benutzt worden, um nach Unabhängigkeit strebende Städte wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.
Der Beruf des Geldverleihers wurde schon bald als unmoralisch verschrieen, Juden wurden als gierig, geizig und skrupellos dargestellt. Dies verstärkte sich noch mit dem Aufkommen der Bettelorden und der Armutsbewegung im Spätmittelalter. Dieses Bild der Juden ist bis heute erhalten geblieben, obwohl ihre Tätigkeit als Geldverleiher in der Frühen Neuzeit stark zurückging, als auch Christen anfingen, diesen Beruf auszuüben. Tatsächlich gab es zu jeder Zeit auch jüdische Händler, Handwerker und Bauern, auch wenn ihre Zahl im Mittelalter stark begrenzt wurde und sie hauptsächlich für die jüdische Gemeinde wirtschafteten.

1.4.Literatur

  • Battenberg, J. Friedrich: Juden in der vormodernen Stadt zwischen Integration und Ausgrenzung. In: Raum und Zeit der Städte. Hrsg. von Hoppe, Andreas. Frankfurt am Main 2011.
  • Brenner, Michael: Kleine jüdische Geschichte. München 2008.
  • Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1997.
  • Ziwes, Franz-Josef: Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters. Hannover 1995.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 22.03.2013