Die jüdischen Gemeinden nach dem Mittelalter

0.1.Humanismus und Protestantismus

Martin Luther, Portrait von Lucas Cranach dem Älteren[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons]

Während der Zeit des Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert entstand neues Interesse an der jüdischen Kultur und hebräischen Sprache, christliche Gelehrte lernten hebräisch und lasen jüdische Texte. Jedoch war dieses Interesse nicht ausschließlich mit Toleranz verbunden. Häufig entstanden durch solche Forschung judenfeindliche Schriften, in denen das Judentum dämonisiert und die Notwendigkeit der Zwangstaufe postuliert wurde, um die jüdische Bevölkerung zu „retten“.
Luther äußerte sich anfänglich positiv über die jüdische Bevölkerung, war jedoch enttäuscht, als sie seine neue Lehre nicht annahm und begann ebenfalls, antijüdische Schriften zu verfassen. Darin forderte er unter anderem, ihre Häuser und Synagogen zu verbrennen und ihnen den Unterricht ihrer eigenen Religion und Kultur zu verbieten. Diese Schriften prägten für lange Zeit die negative Einstellung der protestantischen Kirche gegenüber dem Judentum.

Im Verlauf der Frühen Neuzeit blieben weitläufige Pogrome in Mitteleuropa aus, jedoch wohnte die jüdische Bevölkerung meist nur als geduldete Minderheit in den Städten, viele waren auch aufs Land gezogen, um dort in kleinsten Gemeinden zu leben. Der Synagogenbau war verboten, je nach Territorium besaßen Juden nur eingeschränkte Rechte und wurden aufgrund ihrer Religion als verdammt angesehen.
Aufgrund dieser im Vergleich zum Mittelalter schlechten rechtlichen und sozialen Lage kam es vermehrt zu Konversionen zum Christentum. Ein Versuch, alle Juden zur Konversion zu bewegen, wurde vom Konvertiten Johannes Pfefferkorn angeregt. Nach seinem Vorschlag ließ Kaiser Maximilian I. 1509 alle jüdischen Bücher außer der Tora und den Propheten einziehen und verbrennen. Ohne die Grundlage ihrer Schriften sollten die Juden dazu gebracht werden, sich bekehren zu lassen. Der Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen protestierte gegen die Maßnahmen und überzeigte den Kaiser, einen Untersuchungsausschuss zu bilden, der die Berechtigung der Maßnahmen prüfen sollte. Die Beschlagnahmungen wurden schließlich eingestellt, nicht zuletzt aufgrund der schwierigen Durchführbarkeit und der mangelnden Kooperation einiger Territorien.

0.2.Dorfjudentum im 16. und 17. Jahrhundert

Im 16. Jahrhundert fanden die aschkenasischen Juden in Josel von Rosheim eine politische Führungsperson, die noch einmal versuchte, den rechtlichen Status der jüdischen Bevölkerung durch einen Vertrag mit dem Kaiser abzusichern. Josel von Rosheim erwirkte von Kaiser Karl V. einen Schutzbrief für alle Juden im Reich, setzte sich für ihre Rechte ein und versuchte die Juden auf Reichsebene zu vereinen, um eine stärkere Front zu präsentieren. Auf dem Augsburger Reichstag 1530 debattierte er mit dem christlichen Gelehrten und Autor vieler antijüdischer Schmähschriften Antonius Margerita und konnte sich im Wortgefecht gegen ihn durchsetzen. Zu einem dauerhaften Vertrag mit dem Kaiser kam es nie.
Insgesamt ging die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Europa während der Neuzeit zurück. Viele wanderten Richtung Osten, nach Polen und zum Balkan aus. Dort war ihr Beitrag zur Wirtschaft noch willkommen und Juden konnten wieder im Fern- und Binnenhandel tätig werden, aber auch als Geldverleiher und Produzenten von Wein, Kleidung und Pelzen tätig werden. Sie wurden meist vom lokalen Souverän oder vom Adel engagiert und protegiert. Diese Ostbewegung wurde vom Chmelnyzkyj-Aufstand 1648 in der Ukraine unterbrochen. Der Kosakenaufstand, der sich vor allem gegen die Herrschaft Polen-Litauens richtete, forderte auch viele Opfer unter der jüdischen Bevölkerung, die als Diener des polnischen Adels verfolgt wurden. Viele Juden zogen daraufhin entweder weiter nach Osten und in die Türkei oder zurück in die deutschen Territorien.
Im 16. und 17. Jahrhundert lebten die meisten Juden auf dem Land, da sie aus den Städten vertrieben worden waren und keine Aufenthaltserlaubnis mehr bekamen. Die Gemeinden waren kleiner, organisierten zusammen mit umliegenden Gemeinden Landtage und entwickelte bald eine ähnliche Struktur wie die ehemaligen Stadtgemeinden. Auch war der Kontakt zwischen den Religionen auf dem Land um einiges enger als in den Städten, es gab keine abgeschlossenen Viertel, in denen sich die Juden zurückziehen konnten. Das Zusammenleben funktionierte jedoch und verlief zum großen Teil friedlich, auch wenn von der Obrigkeit wiederholt Maßnahmen eingeleitet wurden, die jüdische Bevölkerung stärker abzugrenzen, meist ohne Erfolg.

0.3.Der Dreißigjährige Krieg

Plündernde Soldaten von Sebastian Vrancx[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons]

Der Dreißigjährige Krieg brachte der gesamten Bevölkerung großes Elend, und auch die jüdischen Gemeinden fanden sich bald bedrängt. Sowohl die Landesherren als auch die durchziehenden Truppen und Besatzer forderten von den jüdischen Gemeinden hohe Geldzahlungen zur Kriegsfinanzierung. Viele Gemeinden verarmten, einige flüchteten, andere wurden zerstört. Der Geldhandel war durch den Krieg und die zahlreichen Unruhen zu riskant geworden, sodass eine wichtige Geldquelle fehlte. Trotzdem gelang es manchen Familien und Gemeinden, in dieser Zeit ihren Besitz zu wahren und gar zu mehren. Sie wurden als Heereslieferanten sowohl auf protestantischer wie auch katholischer Seite engagiert, mehrere jüdische Kaufleute stiegen dadurch in den Warenhandel ein.
Der Westfälische Frieden von 1648 unterstellte die Juden ihrem jeweiligen Landesherren, die auch als Schutzherren fungieren sollten. Nach dem Krieg konsolidierten sich viele Gemeinden, das Zusammenleben verlief weiterhin meist friedlich, die jüdischen Gemeinden behielten ihre autonome Organisation, auch wenn weiterhin hohe Geldforderungen von den Landesherren für die Duldung der Juden gefordert wurden.

0.4.Aufklärung und Emanzipation

In der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert übten die Intellektuellen scharfe Kritik an der Kirche, verurteilten Verfolgung aus religiösen Motiven und forderten Toleranz zwischen den Religionen und somit auch für das Judentum. Joseph II. erließ im Jahr 1781 das Toleranzpatent. Dieses gewährte unter anderem den Juden die bürgerliche Gleichstellung, legte ihnen wie den Christen die allgemeine Schulpflicht auf und gewährte ihnen wieder Zugang zu den meisten Berufszweigen, vor allem den Handwerksberufen. Es blieben weiterhin Sonderabgaben bestehen, welche die jüdische Bevölkerung zu leisten hatte, und nicht alle Maßnahmen wurden konsequent durchgesetzt. Doch fand das Toleranzpatent Nachahmer in verschiedenen deutschen Territorien, so dass die Rechtsstellung der Juden sich allgemein verbesserte.
Im Jahr 1791 hob die französische Nationalversammlung alle Sondergesetze hinsichtlich der Juden auf und erklärte sich zu gleichberechtigten Bürgern Frankreichs. Dafür mussten die Juden jedoch auf ihre autonome Jurisdiktion in den Gemeinden verzichten. Ähnliche Regelungen wurden dann auch in den Rheinbundstaaten und in Preußen umgesetzt. Viele dieser Neuerungen wurden jedoch vom Wiener Kongress 1815 wieder zurückgezogen
Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine neue Bewegung zur Gleichstellung und Emanzipation der jüdischen Bevölkerung. Die Revolution von 1848 plädierte dafür, alle Bürger ungeachtet der Religion seien gleich in ihren politischen Rechten und Pflichten. 1871 wurde nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches die Gleichstellung der Juden auch offiziell beschlossen. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus ging diese Gleichstellung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges verloren, bis sie mit der Gründung der BRD und der Einführung des Grundgesetzes wiederhergestellt wurde und bis heute bestehen bleibt.

Literatur

  • Battenberg, J. Friedrich: Juden in der vormodernen Stadt zwischen Integration und Ausgrenzung. In: Raum und Zeit der Städte. Hrsg. von Hoppe, Andreas. Frankfurt am Main 2011.
  • Brenner, Michael: Kleine jüdische Geschichte. München 2008.
  • Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1997.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 22.03.2013