Jüdische Gemeinden im mittelalterlichen Rheinland

0.1.Gründungslegenden

Es existieren mehrere Gründungslegenden, die den Beginn der Besiedlung des Rheinlands thematisieren, sie hängen meist mit der Familie Kalonymus aus Italien zusammen. Eine Legende besagt, dass der jüdische Leibarzt Kaiser Ottos II. diesem das Leben rettete und zum Dank mitsamt Familie nach Mainz geholt wurde. Eine ähnliche Legende nennt Karl den Großen als Förderer der Kalonymus-Familie. Gesichert ist nur, dass die Familie sehr zahlreich und wirtschaftlich unabhängig war und mehrere Gelehrte und Rabbiner stellte.
Eine andere Legende spricht von Worms als Ort der ältesten jüdischen Gemeinde, der schon seit dem 6. Jahrhundert v. Ch. besiedelt worden sei. Es wurde jedoch historisch nachgewiesen, dass erst am Ende der Karolingerzeit im 9. Jahrhundert kontinuierlich bewohnte jüdische Gemeinden im Rheinland entstanden.

0.2.Früheste Nachweise jüdischer Präsenz

Karl der Große und Luwig der Fromme in Grandes Chroniques de France[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons]

Der erste namentlich erwähnte Jude im Karolingerreich war Großkaufmann Isaak, der am Hof Karls des Großen tätig war. Im Auftrag des Königs nahm er im Jahr 797 an einer Gesandtschaft zum Kalifen von Bagdad, Harun-al-Rashid, teil und kehrte mit einem Elefanten als Geschenk zurück. 825 erließ Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen und König des Westfrankenreiches, drei Privilegien für jüdische Kaufleute, in denen ihnen der Schutz ihres Lebens garantiert und freie Religionsausübung gewährt wurde. Außerdem wurden sie von Steuern befreit. Damit wurde ihnen ein gehobener Status als Kaufleute und Gemeindeautonomie zugesichert.
Die frühesten dauerhaften Gemeindegründungen sind erst im 10. und 11. Jahrhundert nachgewiesen, durch Kaufmannsfamilien aus Italien und Südfrankreich. Im 10. Jahrhundert wurden Mainz und Worms, im 11. Jahrhundert Speyer von Juden besiedelt. Bis zum Ende des 11. Jahrhunderts waren die drei SchUM-Städte die einzigen bedeutenden Judensiedlungen im Rheinland. Andere Niederlassungen aus dieser Zeit sind in Magdeburg, Merseburg und Prag bekannt.
Zu den ersten Baumaßnahmen der jungen jüdischen Gemeinden zählte meist eine Synagoge, um welche sich dann die Juden ansiedelten. Diese Judenviertel lagen oft nahe am Marktplatz im Zentrum der Städte, damit die Kaufleute leichten Zugang zu ihren Posten hatten. Sie befanden sich damit in gehobenen und beliebten Wohngebieten, oft lebte in der Nähe auch christlicher Patrizier, meist lebten Juden und Christen in direkter Nachbarschaft oder auch im gleichen Haus. Trotzdem bevorzugten es die Juden, nahe beieinander zu wohnen anstatt sich in der ganzen Stadt zu verteilen. In der jüsichen Gemeinde teilte man nicht nur die Religion, sondern auch Kultur und Gesetze, die eine vollständige Assimilation in die christliche Städtelandschaft unmöglich machten und auch nicht erwünscht waren.

0.3.Der Kreuzzugspogrom von 1096

Das erste Jahrhundert der jüdischen Besiedlung des Rheingebietes verlief weitgehend friedlich. Dies änderte sich im Jahr 1096 mit dem ersten Kreuzzug. Papst Urban II. rief zum Kreuzzug in den Nahen Osten auf, um dort die Heiden zu vertreiben. Dabei wurde jedem Teilnehmer die Vergebung aller Sünden und der Einzug ins Himmelreich versprochen. Diesem Ruf folgten zehntausende Menschen, darunter nicht nur Ritter, sondern auch einfache Bürger, Bauern und zum Teil ganze Familien. Schon bei Beginn des Kreuzzuges in Nordfrankreich hetzten Wanderprediger, die das Heer begleiteten, die Menge dazu auf, schon auf dem Weg ins Heilige Land die Heiden zu vertreiben. Damit wurden die Juden in Frankreich und dann im Deutschen Reich die ersten Opfer. Die Menge drang in die Städte ein, plünderte und zerstörte die Judenviertel und zwangen die Bewohner zur Taufe, wenn sie sie nicht gleich töteten.
Trotz einiger Warnschreiben, die französische Juden an ihre Glaubensgenossen im Rheinland sandten, wurden diese dort von der Kreuzzugshorde überrascht. Der Kaiser konnte seiner Aufgabe als Schutzherr nicht nachkommen, er befand sich in Italien. In manchen Städten wie Speyer gelang es den Bischöfen, die Juden zu verstecken und zu schützen, in anderen fiel die gesamte Gemeinde dem Mob zum Opfer. Auch Bewohner des Umlands und die städtischen Unterschichten beteiligten sich an den Überfällen, geführt wurden sie meist von einigen Rittern, wie dem Grafen Emicho von Leinigen, dem nachgesagt wird, dass er die Gelegenheit nutzte, um sich an den Reichtümern der Juden zu vergreifen.
Nachdem die Kreuzzügler weiter nach Osten marschiert waren, kehrten die überlebenden Juden bald in die Städte zurück. Gegen den Willen des Papstes erlaubten Kaiser und Bischöfe allen Zwangsgetauften die Rückkehr zum Judentum. Die Gemeinden erholten sich bald, auch durch den Zuzug neuer Siedler. Die Verarbeitung der traumatischen Ereignisse schlugen sich vor allem in der Entwicklung einer neuen Mystik nieder, in welcher ein altes Ideal der Antike wieder aktiviert wurde: Kidusch-ha-schem, die „"Heiligung seines Namens",“ also des Namen Gottes. Dieses Ideal besagte, dass es besser sei, freiwillig zu sterben als sich zwangstaufen zu lassen. Diesem Ideal folgten viele Juden während dieser und folgender Pogrome.

0.4.Ausbreitung im 12. Jahrhundert

Raschi nach einem Holzschnitt von 1539[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons]

Im Jahr 1103 stellte Kaiser Heinrich IV. in einem Landfrieden die ansässigen Juden  zusammen mit weiteren Minderheiten unter besonderen Schutz. Dabei wurde den Juden zwar Schutz von Leben und Besitz garantiert, zugleich wurde jedoch ihr Rechtsstatus gemindert. Sie wurden zusammen mit Frauen, Klerikern und Waisenkindern als nicht waffenfähig eingestuft, woraus sich im Laufe des Mittelalters ein Waffenverbot für alle Juden entwickelte. Ein Vorteil war, dass alle Verbechen gegen eine jüdische Person nun zum öffentlichen Recht gezählt wurden und mit hohen Strafen belegt waren.
Zusätzlich erließ Heinrich IV. weitere Privilegien für die jüdische Bevölkerung: Taufwillige heidnische Sklaven im Dienste der Juden durften nicht ohne Entschädigung befreit, sondern mussten freigekauft werden. Das Marktschutzrecht legte fest, dass ein Jude, wenn er ohne es zu wissen gestohlenes Gut erworben hatte, dieses nur gegen Erstattung des Kaufpreises zurückgeben musste. Auch war es den Juden erlaubt, Häuser, Gärten und Weinberge zu besitzen und Handel unter anderem mit Kräutern, Arzneien und Wein zu betreiben. Damit sollte die Wirtschaftspotenz der Juden gestärkt werden, die vor allem als Fernhändler Kapital in die rheinischen Städte brachten und die Wirtschaft ankurbelten. Unterstützt wurden diese Maßnahmen von den Bischöfen der Städte, in denen jüdische Gemeinden lagen. Sie erhofften vom Einfluss der jüdischen Kaufleute größeres Ansehen und Wachstum für ihre Städte. Auch dienten schon zu diesem Zeitpunkt einige Juden als Kreditgeber für die Stadtherren.
Auch wenn es zu Beginn des 12. Jahrhunderts nur einige wenige jüdische Gemeinden gab, so rreichte ihr Einfluss dennoch durch ganz Europa. Es herrschte reger Kontakt mit den jüdischen Gemeinden in Frankreich, so dass oft von einer kulturellen Gemeinschaft dieser Gemeinden gesprochen wird. Worms, Mainz und Speyer waren dabei als geistige Zentren über die Grenzen Aschkenas‘ hinaus bekannt. Zahlreiche Schüler strömten ins Rheinland, um die dortigen Talmudhochschulen zu besuchen und unter den berühmten Rabbinern zu studieren, so auch der wohl berühmteste jüdische Gelehrte des Mittelalters, Raschi. 1040 in Troyes geboren studierte er in Mainz und Worms und gründete schließlich seine eigene Schule in Troyes. Seine Kommentare zu Tora und Talmud werden bis heute verwendet und gelten als Standardwerke der jüdischen Rechts- und Kulturgeschichte.
Calixt II., seit 1119 Papst, verkündete erstmals im Mittelalter das Verbot für Juden, neue Synagogen zu bauen. Das Verbot wurde größtenteils ignoriert. Weitaus einschneidender waren die Ereignisse des 2. Kreuzzugs. Wie schon 50 Jahre zuvor kam es erneut zu Pogromen auf dem Weg des Kreuzritterheeres, bei dem jüdische Gemeinden überfallen und niedergebrannt und die Bewohner zwangsgetauft oder erschlagen wurden. Kaiser, Bischöfe und andere Territorialherren boten den Juden befestigte Schutzburgen zum Rückzug an, in denen sie meist auch unbehelligt blieben. Alle Juden, die von den Kreuzzüglern außerhalb der Befestigungen aufgegriffen wurden, waren dem Mob ausgeliefert. Nach den Pogromen zogen die Überlebenden bald zurück in die Städte und bauten ihre Viertel wieder auf.

0.5.Druck von Seiten der Kirche im 13. Jahrhundert

Juden, vom 4. Laterankonzil vorgeschriebene Judenhüte tragend[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons]

Um 1200 entwickelte sich die jüdische Mystik der Chassiden, auch in Antwort auf die sich allmählich mehrenden Pogrome. Jehuda ha Chassid verfasste das sogenannte Buch der Frommen, welches die Selbstverteidigung bei Verfolgung ablehnte und sich für den Selbstmord aussprach, wenn man mit der Zwangstaufe bedroht wurde. Damit solltte der Name Gottes geheiligt werden, da man lieber in den Tod ging, als vom Glauben abzufallen. Auch wurde zur Abgrenzung von der Umwelt und zur Weltverneinung aufgerufen, man sollte sein Leben Erfüllen der göttlichen Gebote widmen, am Besten über das in den Schriften geforderte Maß hinaus. Zudem wurde für das Jahr 1216 die Ankunft des Messias verkündet. Insgesamt war die Bewegung in Mitteleuropa sehr einflussreich, wurde aber auch von einigen jüdischen Gelehrten als Sekte bezeichnet.
Im 13. Jahrhundert änderte die Kirche allmählich ihre Stellung gegenüber der jüdischen Bevölkerung und verfolgte eine härtere Linie zur Ausgrenzung und Bekehrung. Dies zeigte sich vor allem in den Beschlüssen des 4. Laterankonzils im Jahr 1215. Es wurde den Juden verboten, öffentliche Ämter zu bekleiden, sie sollten sich durch ihre Kleidung von der restlichen Bevölkerung unterscheiden und durften keine Christen mehr als Bedienstete anstellen. Gerade im Rheinland wurden diese Beschlüsse nur sehr zögerlich umgesetzt, die jüdischen Kaufleute und Geldgeber waren noch immer eine wichtige Wirtschaftskraft, welche die Stadtherren nicht verlieren wollten. Erst nach einer Ermahnung des Papstes Gregor IX. im Jahr 1233 wurde ein Mainzer Provinzialkonzil einberufen. Dort wurde beschlossen, dass bei Juden wohnende oder arbeitende Christen mit der Exkommunikation zu bestrafen seien.
In diese Zeit fällt auch das Erscheinen der ersten Bettelorden wie den Franziskanern und Dominikanern, die bald großen Zulauf fanden. Sie propagierten ein neues Armutsideal und verurteilten die Wirtschaftspraktiken der Juden, vor allem der Geldverleiher, als Wucher. In Predigten wurde ein zunehmend negatives Bild der Juden gezeichnet, als Verbündete des Antichristen, Gottesmörder und Teufelsdiener. Zugleich gewann auch das Thema der Passion Christi Popularität in der Volksfrömmigkeit, die Leiden Jesu wurde in Kunst und Predigten in den Vordergrund gestellt, wobei die Rolle der Juden als Gottesmörder wiederholt betont wurde.
Eine Folge davon war das Aufkommen neuer Vorwürfe gegen die Juden. Sie wurden beschuldigt, Christen zu entführen, Ritualmorde zu begehen und Hostien zu schänden. Obwohl diese Anschuldigungen sowohl von den Päpsten als auch den Königen verworfen wurden und als unhaltbar galten, waren sie im 13. Jahrhundert Ursachen für zahlreiche Pogrome, von denen die meisten nur lokale Ereignisse blieben. Einige führten jedoch zu flächendeckenden Verfolgungen, wie der Fall des Werner von Bacharach. Als die Leiche des jungen Tagelöhners Werner im Jahr 1287 aufgefunden wurde, beschuldigte man die Juden, ihn ermordet zu haben, und griff die gesamte Gemeinde an. Die Aufregung über den vermeintlichen Ritualmord breitete sich entlang von Mosel und Rhein aus und führte zu vielen Pogromen im Rheinland.

0.6.Wirtschaftliche und kulturelle Blüte

Trotz aller Rückschläge wuchsen im 13. und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die jüdischen Siedlungen immer weiter, allein im Mittelrheingebiet existierten bald 133 jüdische Gemeinden. In dieser Zeit wurden die jüdische Bevölkerung Englands und Frankreichs vertrieben, viele von ihnen ließen sich innerhalb des Deutschen Reiches nieder. Jüdische Gemeinden bildeten sich dabei nicht mehr nur in Bischofs- oder reichsunmittelbaren Städten, sondern auch in reichsmittelbaren, meist kleineren Städten, die unter der Herrschaft von Territorialherren standen. Ebenso zeigte sich dabei eine zunehmende Tendenz zur Niederlassung auf dem Land anstatt in den Städten. Damit schoben sich die Landesherren zunehmend als Instanz zwischen dem ursprünglichen Schutzherren, dem König, und der jüdischen Gemeinde.
In diese Zeit fällt auch der Höhepunkt der Urbanisierung des Rheinlandes im Mittelalter. Mainz, Worms und Speyer waren weiterhin die bedeutendsten Zentren, besaßen sowohl Synagoge, Friedhof und Judenrat als auch berühmte Talmudhochschulen. Nur in etwa einem Viertel aller Gemeinden stand eine Synagoge, nur in einem Fünftel ein eigener Friedhof. Im 13. Jahrhundert erreichten die SchUM-Städte den Höhepunkt iher Bedeutung. Die von ihnen ausgerichteten Synoden besclossen Verordnungen, die in ganz Aschkenas Geltung hatten, diese Takkanot Schum regelten für mehrere Jahrzehnte das Leben in den jüdischen Gemeinden Mitteleuropas.

0.7.Kammerknechtschaft

Im Jahr 1236 erließ Kaiser Friedrich II. ein neues Privileg, welches auf ein älteres Prvileg für die Wormser Juden zurückging, nun aber auf das gesamte Reich ausgedehnt wurde. Darin betonte Friedrich den Hoheitsanspruch der Krone über die Juden, in dem er sie als kaiserliche Kammerknechte bezeichnete. Dies richtete sich vor allem gegen die Territorialherren, die versuchten, selbst Einfluss auf die jüdischen Gemeinden in ihrem Gebiet auszuüben und Profit aus ihnen zu schlagen. Friedrich formulierte in diesem Privileg zum einen die Nutzung des Judenregals, welches zuerst nur der König innehatte, aber anderen Fürsten verleihen konnte. Mit diesem Judenregal konnte man eigenständig die Steuern der jüdischen Gemeinden einsammeln, sowohl ihre übliche Beteiligung an Reichssteuerleistungen sowie Sondersteuern. Auch besaß man die Entscheidungsgewalt über die Gründung neuer jüdischer Siedlungen.
Bedeutend war bei diesem Schriftstück vor allem die Bezeichnung der Juden als Kammerknechte. Ihr Rechtsstatus als freie Menschen mit Sonderrechten wurde herabgesetzt zu Knechten, zum „Besitz“ des Kaisers. Dies ist auch aus den zwei bedeutenden Rechtstexten des Mittelalters, dem Sachsenspiegel und dem Schwabenspiegel, ersichtlich. Während im Sachsenspiegel von 1233 Juden noch als Freie unter besonderem Schutz des Kaisers bezeichnet wurden, spricht der Schwabenspiegel von 1275 bereits von Knechten und Unfreien, und fordert zudem eine strikte Trennung von Juden und Christen. Negative Folgen für den Alltag der Juden entwickelten sich nicht sofort, jedoch zeigte sich, dass die Juden zunehmend nur noch als Geldquelle und nicht mehr als bedeutender Wirtschaftsfaktor gesehen wurden. Das Judenregal wurde von den folgenden Kaisern und Königen häufig verliehen, verpfändet und verkauft, und die Garantie für Schutz von Leben und Besitz der Juden wurde zunehmend unzuverlässig
Unter König Rudolf von Habsburg, welcher in den Jahren 1273 bis 1291 regierte, wurden vermehrt Sondersteuern für Juden erhoben und ihre Freizügigkeit beendet. Juden durften nicht mehr selbstständig umziehen, sondern mussten die Erlaubnis des Stadt- bzw. Landesherren einholen. Die jüdischen Gemeinden wurden von der Obrigkeit immer stärker reglementiert, unter anderem auch durch eine Obergrenze an erlaubten Siedlern. Die Gemeinden verloren ihr politisches Gewicht und konnten die neuen Regelungen kaum mehr beeinflussen.

0.8.50 Jahre des Schreckens

Epitaph Ritter Arnold, selbsternannter König Armleder[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons]

Die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts wird auch als die „50 Jahre des Schreckens in Aschkenas“ bezeichnet, aufgrund der hohen Anzahl an überregionalen Pogromen. Während des INterregnums entstand im Jahr 1298 die Rintfleisch-Bewegung. Ein verarmter Adeliger, der sich selbst als König Rintfleisch bezeichnete, setzte sich an die Spitze eines aus armer Landbevölkerung und städtischen Unterschichten bestehenden Mobs und begann von Franken aus im gesamten Südwesten des Reiches zu wüten. Unter dem Vorwand, dass die Juden Hostienfrevel begangen hätten, wurden jüdische Gemeinden überfallen, ausgeraubt und zahlreiche Menschen getötet. Ähnlich verlief die Bewegung um „König“ Armleder in den Jahren 1336 bis 1338. Auch hier leitete ein verarmter Adliger, diesmal ein Ritter, einen Mob gegen die jüdischen Gemeinden der Umgebung, wobei sich die Pogrome noch weiter ausdehnten und selbst nach der Hinrichtung Armleders noch knapp zwei Jahre lang fortgeführt wurden.
Oft versuchten die Oberschichten in den Städten, vor allem Patrizier, Stadtrat und Stadtherr, die Juden zu schützen, indem sie dem Mob Zutritt zur Stadt verweigerten oder die Juden versteckten. Mit dem Aufstieg des Zunftbürgertums wurde jedoch auch die Stimmung in den Städten antijüdisch aufgeladen. Zünfte und Kaufleute sahen die Juden als unliebsame Konkurrenten, ihr Reichtum weckte Neid, und ihre Rolle als Geldgeber für hochrangige Würdenträger wie Fürsten und Bischöfe verwickelten sie in politische Auseinandersetzungen. Weiter aufgeladen wurde die Stimmung durch den einsetzenden Klimawandel und die einhergehenden Missernten, Preissteigerungen und Hungersnöte.

0.9.Pestpogrome

Die Situation eskalierte mit dem Ausbruch der Pest in Europa im Jahr 1348. Die folgenden Pogrome waren der wohl gravierendste Einschnitt in der Geschichte des aschkenasischen Judentums im Mittelalter. Die Ausbreitung der Pest und die hohe Zahl der Opfer führte zu Angst und Hysterie, aber auch zur fieberhaften Suche nach einem Grund für die Seuche. Dabei wurde der Vorwurf populär, die Juden hätten die Brunnen vergiftet um so alle Christen auszurotten. Mit dieser Begründung fanden in ganz Europa Pogrome statt, in denen die jüdische Bevölkerung massakriert und ihr Besitz geplündert wurde, viele Gemeinden wurden komplett niedergebrannt. Dabei fiel schon Zeitgenossen auf, dass diese Pogrome oft noch vor Ausbruch der Pest im jeweiligen Ort stattfanden, und dass es nie irgendwelche Belege für die Behauptungen gab. Verschiedene Gelehrte beschuldigten die Verfolger, dass sie die Pest nur als Vorwand benutzen würden, um sich am Besitz der Juden zu vergreifen. Selbst der Papst sprach sich gegen die Beschuldigungen der Brunnenvergiftung aus und erklärte sie für unhaltbar. Die Pogrome konnten damit jedoch nicht beendet werden und dauerten über ein Jahr lang an.
Obwohl viele Gemeinden nach den Pogromen wieder aufgebaut wurden, kam es zu einigen fundamentalen Änderungen. Die Stellung der Juden verschlechterte sich noch weiter, ihre Bürgerrechte wurden ihnen schrittweise abgesprochen, in vielen Städten erhielten sie nur noch eine begrenzte Siedlungserlaubnis und mussten für diese teuer bezahlen. Da die Stadtherren sich vielerorts weigerten, Schutzversprechen für die Juden auszusprechen, mussten neue Schutzherren gefunden werden. Es stand nicht mehr die ganze Gemeinde unter dem Schutz eines Fürsten, Bischofs oder Kaiser, sondern jede Familie musste individuelle Verträge abschließen, mit dem Stadtrat, den Patriziern oder ansässigen Adeligen.

0.10.Abwanderung nach Osten

Ende des 14. Jahrhunderts begann allmählich die Abwanderung jüdischer Familien aus den deutschen Territorien aufgrund finanzieller Bedrängnis. Die hohen Abgaben, die sowohl von König wie auch von den einzelnen Landesherren gefordert wurden, waren nicht mehr für alle bezahlbar. Hinzu kamen weitläufige Schuldentilgungen, in denen König oder Landesherren all denen, die Juden Geld schuldeten, diese Schulden eigenmächtig strichen. Damit wurde den jüdischen Geldleihern die Lebensgrundlage entzogen, zumal nun auch neue Konkurrenz durch christliche Geldleiher entstand, die mit diesen Nachteilen nicht zu kämpfen hatten. Viele Juden zogen nach Norditalien, wo das Wechselbriefgeschäft erfolgreich von jüdischen Bankiers kontrolliert wurde, andere wandten sich nach Osten.
Im 15. Jahrhundert verstärkte sich die Abwanderung nach Osten. Ab 1434 mussten Juden anlässlich der Kaiserkrönung Sigismunds den Dritten Pfennig als Sondersteuer zahlen, auch die Territorialherren zogen mit ihren Forderungen an. Konnte eine Gemeinde diesen nicht nachkommen, wurde sie meist vertrieben und der restliche Besitz beschlagnahmt. Die reichen Familien flohen oft zuerst, mit ihnen auch bedeutende Rabbinerfamilien und Gelehrte. Die SchUM-Städte verloren endgültig ihre Bedeutung als geistiges Zentrum des Judentums, die geistige Elite befand sich nun im Osten, unter anderem in Prag. Mit der Verdrängung aus dem Geldleih- und Bankengeschäft konnten viele Juden nur noch als Geldverleiher für die Unterschichten und Bauern auftreten, was wiederum zu Konflikten führte, wenn diese sich weigerten oder nicht in der Lage waren, das Geld zurückzuzahlen.

0.11.Ausschluss aus den Städten

Mitte des 15. Jahrhunderts änderte sich das Kräftegleichgewicht zwischen kirchlichen und weltlichen Territorien. So gewann die Kurpfalz die Dominanz über das geistliche Kurmainz nach dem Ende des Markgrafenkrieges im Jahr 1453. Der Mainzer Erzbischof, bis dato wichtigster Schutzherr der Juden, muss sich dem Pfalzgrafen unterordnen, die Mainzer jüdische Gemeinde verlor ihren einflussreichsten Fürsprecher.
Viele Städte weigerten sich, die Siedlungserlaubnis der jüdischen Gemeinden zu verlängern. In vielen Städten bildeten inzwischen die Zünfte die Regierung und waren während des gesamten Mittelalters bemüht, die jüdische Bevölkerung wirtschaftlich auszugrenzen, da man sie als Konkurrenz sah. Durch das Auftauchen christlicher Kreditgeber waren Juden auch als Geldverleiher für die die städtische Wirtschaft und die Oberschicht obsolet geworden. Sie verloren allmählich den Schutz der Fürsten und wurden meist ohne großen Widerstand vertrieben. Statt in den Städten lebten die meisten der im Deutschen Reich verbliebenen Juden seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert in Dörfern auf dem Land. Insgesamt sank die Zahl der jüdischen Bevölkerung im ausgehenden Mittelalter rapide ab und sollte erst im 18. Jahrhundert wieder anwachsen.

Literatur

  • Brenner, Michael: Kleine jüdische Geschichte. München 2008.
  • Haverkamp, Alfred: Zur Siedlungs- und Migrationsgeschichte der Juden in den deutschen Altsiedellanden während des Mittelalters. In: Juden in Deutschland. Hrsg. von Matheus, Michael. Stuttgart 1995.
  • Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1997.
  • Stemberger, Brigitte: Geschichte der Juden in Deutschland von den Anfängen bis zum 13. Jahrhundert. In: Juden in Deutschland. Zur Geschichte einer Hoffnung. Hrsg. Von Peter von der Osten-Sacken. Berlin 1980.
  • Ziwes, Franz-Josef: Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters. Hannover 1995.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 22.03.2013