1.Christliche und jüdische Streitschriften in Antike und Mittelalter

Diskussion zwischen christlichen und jüdischen Gelehrten von Johann von Arnssheim[Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons]

Sowohl im Christentum wie auch im Judentum existiert eine lange Tradition von Streitschriften, die sich mit der jeweils anderen Religion befassen. Diese Schreibkultur nahm schon kurz nach der Entstehung des Christentums ihren Anfang und wird bis heute weitergeführt, wobei viele zentrale Fragen die gleichen geblieben sind. Dazu gehört neben der Frage nach dem Messias und dem Eintritt ins Himmelreich auch das Thema der Beziehung der beiden Religionen miteinander. Oft wird gefragt, wie man sich gegenüber den Angehörigen der anderen Religion zu verhalten hat, wobei sich die Antworten darauf im Laufe der Jahrhunderte so manches Mal drastisch änderten.

1.1.Erste Konflikte in der Antike

Das Christentum entwickelte sich im späten 1. Jahrhundert und frühen 2. Jahrhundert endgültig zu einer eigenen, vom Judentum scharf abgegrenzten Religion, parallel formte sich das rabbinische Judentum. Die Trennung erfolgte vor allem durch die anfangs unorganisierte Heidenmission. Während die frühesten Christen konvertierte Juden waren, nahm bald die Zahl der Heiden, welche sich zum Christentum bekannten, die Oberhand, und bestanden auf eine scharfe Trennung vom „alten“ Judentum.
Eine literarische Verbindung zwischen diesen Religionen bildet das Alte Testament, welches von beiden zu den grundlegenden religiösen Schriften gezählt wird. Jedoch wird das Alte Testament von den beiden Religionen in verschiedenen Sprachen gelesen und interpretiert. Das Judentum legte großen Wert auf die wörtliche Befolgung und Wiedergabe des Alten Testaments, während sich beim Christentum die freie Interpretation durchsetzte. Auch entwickelte sich die Kanonbildung unterschiedlich, im Judentum basiert die Heilige Schrift, die Tora, auf dem Alten Testament, während sich das Christentum vor allem auf den Evangelien des Neuen Testaments stützte.
Frühes Konfliktpotential brachte die Interpretation der Rolle Jesu. Zwar ist er in der Bibel eindeutig als Jude erkennbar, doch beide Seiten hoben ihn oft aus dem Judentum heraus, als Gottes Sohn, Gründer des Christentums, als Aufständischer oder Zauberer. Vor allem in der jüdischen Literatur wurden Jesus eine Vielzahl an Rollen zugeschrieben, vom Propheten bis zum Bösewicht. Erst in der modernen Literatur besinnen sich beide Seiten wieder verstärkt auf den Ursprung Jesu als Jude.
Die Juden beschuldigten die Christen zusätzlich, mit der Heiligenverehrung Götzendienst zu betreiben. Verschärft wurde die Situation durch den Exklusivitätsanspruch, den beide Religionen vertraten. Man sah sich selbst als von Gott auserwählt, während alle Anhänger anderer Religionen nur Irrglauben folgten.

1.2.Die Rolle Jesu

Schon in der Antike finden sich christliche Adversos-Judaeos Schriften. Diese Texte wurden meist von Christen für Christen geschrieben und sollten vor allem zur Rechtfertigung der eigenen Position dienen, indem Diskrepanzen zwischen dem Judentum und den neuem Christentum aufgeführt und kommentiert wurden. Häufige Themen waren Jesus Christus als Messias und die Verblendung der Juden, die seine Rolle nicht akzeptierten, sowie die von ihm eingeführten neuen Gesetzte, welche die des Alten Testaments ablösten. in diesen Schriften finden sich auch früh Vorwürfe, die später im Mittelalter wieder auftauchen sollten, wie Menschenhass, Ritualmorde, Gottesmord und Atheismus. Als Argumente wurden Zitate aus dem Alten und Neuen Testament verwendet und interpretiert, wobei diese Schriften jedoch schnell in Polemik ausarteten.
Durch diese Schriften entwickelte sich das Bild des verstockten, blinden Juden, der sich Neuerungen verweigerte und somit vom „rechten Glauben“ abfiel. Gerade das Symbol der Blindheit wurde im Verlauf des Mittelalters und der Neuzeit immer wieder aufgegriffen, indem die bildliche Darstellung der jüdischen Kirche, die Synagoga, als blinde Frau gezeigt wurde.
Im Gegensatz zu den zahlreichen christlichen Streitschriften hatte das antike Judentum wenig Interesse am Christentum, welches man zu diesem Zeitpunkt nur als eine weitere Abspaltung vom Judentum bewertete. Daher sind auch kaum Streitschriften gegen das Christentum überliefert, doch aus den wenigen bekannten geht hervor, dass das Christentum als Irrlehre gesehen wurde, wobei Jesus meist eine negative Rolle als Zauberer und Verführer spielte. Auch existierten einige antichristlichen Jesuslegenden, in denen Jesus als uneheliches Kind bezeichnet wurde, als Betrüger und falscher Prophet. Die Auferstehung wurde angezweifelt, stattdessen wurde argumentiert, die Jünger hätten den Leichnam gestohlen.

1.3.Mittelalter

Diese Streitschriften richteten sich jedoch generell an die eigenen Glaubensangehörigen. Direkte Begegnungen und Gespräche zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten waren selten, ebenso Schriften, die sich an die jeweils andere oder gar an beide Religionen wandten. Zwei berühmte Ausnahmen waren die Schrift „"Dialogus inter Philosophum, Judaeum et Christianum"“ von Petrus Abaelardus aus dem Jahr 1141/42 und eine ähnlicher Text, das „"Buch vom Heiden und den drei Weisen"“ von Raimund Lull aus dem Jahr 1270/75. Beide stellten die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam dar. Jeweils ein Vertreter jeder Religion verteidigte seinen Glauben. Ungewöhnlich ist vor allem, dass es zum Schluss bei beiden Schriften nicht dazu kommt, dass eine Religion als die einzig wahre identifiziert wird. Abaelard formuliert sogar, dass alle Religionen einem Gott dienten, dieser aber jeweils in unterschiedlicher Form dargestellt wurde.
Im Mittelalter entstanden auch zahlreiche jüdische Polemiken gegen das Christentum, wobei diese an die eigenen Glaubensgenossen gerichtet waren. Unter den Vorwürfen fanden sich häufig Anschuldigungen der Unmoral, Irrlehre, aber auch die Erfolglosigkeit der Kreuzzüge und Missionierungsversuche in Nahost. Es gab jedoch ebenso Schriften, die für eine positive Beziehung mit dem Christentum warben, so auch das Buch der Frommen „"Sefer Chassidim"“, in dem geraten wird, für Christen zu beten, die sich den Juden gegenüber freundlich und hilfsbereit verhielten. Der Gesamtton der apologetischen Schriften nahm auf beiden Seiten jedoch im Laufe des Mittelalters einem zunehmend destruktiven Ton an, welche dann auch die Möglichkeiten wohlwollender Beziehungen zwischen den zwei Religionen verneinten.

1.4.Literatur

  • Jung, Martin: Christen und Juden. Die Geschichte ihrer Beziehung. Darmstadt 2008.
  • Stemberger, Günter: Einführung in die Judaistik. München 2002.
  • Stemberger, Günter: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. München 2009.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 22.03.2013